Schlagwort: Wirtschaft

Österreichische Finanzchefs wegen COVID-19 im Stimmungstief

Published on 2. November 2020

Bereits zum Ende des Vorjahres zeichnete sich eine gewisse Ernüchterung unter Europas Finanzvorständen ab. Durch die weltweite COVID-19-Pandemie hat sich die Stimmung im ersten Quartal 2020 jedoch nochmals drastisch verschlechtert. Das Beratungsunternehmen Deloitte verzeichnet im aktuellen CFO Survey ein Rekordtief seit 2015. Insgesamt wurden im März 2020 rund 1.000 Finanzvorstände aus 18 europäischen Ländern zur aktuellen Situation befragt, darunter auch 50 Top-CFOs in Österreich.

„Das Coronavirus hinterlässt deutliche Spuren in der österreichischen Wirtschaft. Der Großteil der Finanzchefs zeigt sich daher wenig optimistisch: Rund zwei Drittel der österreichischen Befragten blicken pessimistischer in die finanzielle Zukunft ihres Unternehmens als noch vor drei Monaten“, erklärt Gerhard Marterbauer, Partner bei Deloitte Österreich.

Langfristige Auswirkungen auf Umsatz

Weltweit kursieren die unterschiedlichsten Szenarien zum weiteren Verlauf der Krise und der damit einhergehenden Rezession. Die europäischen Finanzchefs sind laut Deloitte Umfrage derzeit wenig zuversichtlich: Über drei Viertel erwarten innerhalb der nächsten sechs Monaten sinkende Unternehmensumsätze durch COVID-19. In Österreich rechnen zwei Drittel zumindest mit einem kurzfristigen Rückgang, 57 % befürchten auch auf lange Sicht rückläufige Umsatzzahlen.

„Anstelle einer schnellen und starken Erholung bereiten sich die Unternehmen auf eine eher schleppende Erholung ihres Geschäftes vor. Das wird sich längerfristig auf den Erfolg der meisten Unternehmen auswirken“, analysiert Marterbauer.

Trüber Ausblick für Beschäftigung

Aufgrund der verhaltenen Geschäftserwartungen fahren aktuell viele europäische Unternehmen ihre Einstellungspläne zurück. Auch unter den heimischen CFOs gehen 43 % der Befragten von einem Rückgang der Mitarbeiteranzahl in den nächsten zwölf Monaten aus. Dieses Ergebnis markiert eine Trendumkehr im Jahresvergleich. Im vorigen Quartal erwarteten die meisten Unternehmen noch einen Anstieg – aber das war vor COVID-19. Auch die Risikobereitschaft nimmt ab: Nur ein Viertel der österreichischen Befragten ist derzeit bereit, höhere Risiken in der Bilanz einzugehen.

„Generell kommt es aktuell zu einer Neubewertung des Risikoumfeldes durch die Finanzvorstände: Die schlechten Konjunkturaussichten haben den Fachkräftemangel derzeit als größten Risikofaktor abgelöst. Auch die sinkende Auslandsnachfrage bereitet den CFOs momentan Kopfzerbrechen“, ergänzt Deloitte Experte Gerhard Marterbauer.

Reaktive Maßnahmen zur Abfederung

Um die Folgen von COVID-19 für das eigene Unternehmen einzudämmen, setzen viele Befragte auf reaktive Maßnahmen. 55 % der heimischen Unternehmen wollen in erster Linie die Ausgaben reduzieren. Auch neue Arbeitsmodelle für die Belegschaft (52 %) sowie die Überprüfung der Kommunikation mit wichtigen Stakeholdern (42 %) stehen jetzt weit oben auf der Unternehmensagenda. Diese Tendenz lässt sich laut der Deloitte Studie in ganz Europa feststellen.

Auch die strategische Ausrichtung der Unternehmen wird durch die jüngsten Entwicklungen beeinflusst: Neben der Senkung der Kosten und des Betriebsaufwandes sind das Wachstum in bestehenden Märkten und das Vorantreiben der Digitalisierung die zentralen strategischen Ziele der österreichischen CFOs. „In der derzeitigen Krise konzentrieren sich die Unternehmen auf die Sicherung der Liquidität und die effektive Nutzung vorhandener Ressourcen“, sagt Marterbauer. „Auch die Digitalisierung wird nun stark vorangetrieben – das kann auch ein Erfolgsfaktor für die Zeit nach der Krise sein.“ 

14,3 Prozent

Published on 5. Oktober 2020

EIN DRITTEL

Der heimische Tourismus hat rund ein Drittel eingebüßt.

11,5 Millionen „Erneuerbare Energie“-Arbeitsplätze weltweit

Die Welt ist aktuell Zeuge eines vielversprechenden Beschäftigungswachstums im Sektor der erneuerbaren Energien, wo es immer mehr Jobs gibt.
Spitzenreiter ist die Photovoltaik mit rund 3,8 Millionen vor dem Bereich der Biokraftstoffe mit 2,5 Millionen Arbeitsplätzen.

50 Milliarden Euro

So viel ist das Hilfspaket für die heimische Wirtschaft „schwer“.
Dazu kommen Stundungen von Steuern und Sozialversicherungsbeiträgen etc.

405.575 Arbeitslose

So viele Menschen sind derzeit (Stand: 29.9.) ohne Job beim Arbeitsmarktservice (AMS) gemeldet.
Das sind rund 74.000 mehr als vor einem Jahr.
In Kurzarbeit befinden sich 290.696 Personen.

Rund 20 Prozent

Immerhin etwa jedes fünfte österreichische Unternehmen will aktuell das Weiterbildungsbudget erhöhen.
69 Prozent der Firmen wollen trotz Covid-19 an ihren Weiterbildungsbudgets festhalten.

8 von 30

So viele „Wohlstandsindikatoren“ bewertet die Arbeiterkammer derzeit positiv: die sehr hohe Arbeitsproduktivität und hohe real verfügbare Einkommen in Österreich, hohe Lebenszufriedenheit und physische Sicherheit, geringe Armutsgefährdung, hohe Forschungsausgaben und Erwerbsquoten, einen gut ausgebauten öffentlichen Verkehr, entwickelte Mitbestimmung, vergleichsweise niedrige Feinstaubbelastung und ökonomische Stabilität.

Quellen: Arbeiterkammer, IRENA (Internationale Agentur für Erneuerbare Energien), Makam Research, Statistik Austria, eigene Recherchen

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Zukunftsweisende Gemeinden vor den Vorhang

Published on 3. Oktober 2020

LandLuft als Verein zur Förderung von Baukultur in ländlichen Räumen hat es sich zur Aufgabe gemacht, Städte und Gemeinden sowie ihre engagierten Bürger als Positiv-Beispiele in die Öffentlichkeit zu tragen und durch das Auf- und Vorzeigen nachvollziehbarer Lösungen möglichst viele Nachahmer zu finden.

„Boden g’scheit nutzen“ lautet das Motto des LandLuft Baukulturgemeinde-Preises 2021. Aus mehr als hundert eingereichten Beiträgen hat die Jury 13 Gemeinden (und 28 Projekte) als Vorzeigebeispiele ausgewählt, die in die nächste Runde des mehrstufigen Prozesses kommen. Die nominierten Kommunen und Projekten bzw. die Menschen dahinter sind nun eingeladen, ihre baukulturellen Aktivitäten und Erfolge im Rahmen eines öffentlichen Jury-Hearings am 16. Oktober in Waidhofen/Ybbs zu präsentieren.

Im Frühjahr 2021 werden die potenziellen Preisträger-Gemeinden von der Jury bereist. Die Preisverleihung findet am 23. September 2021 in Wien statt. Danach beginnt für LandLuft die Baukulturvermittlung mit Publikationen, Wanderausstellungen, Filmen, Exkursionen, Vorträgen und Webinaren. Der Verein setzt auf die Erfolgsbeispiele der prämierten Gemeinden und die unmittelbare Ansprache von Menschen über Geschichten, Bilder und Zitate.

Bewusstsein für die Knappheit der Ressource Boden führt zu einer Belebung der Zentren.

Für die Belebung der Zentren

Warum Grund und Boden in den Mittelpunkt der Vereinstätigkeit gerückt ist, erklärt LandLuft-Obfrau-Stellvertreter Roland Wallner: „Raumplanung und Bodenpolitik sind die Grundlage für eine gute Baukultur. Ein schönes Haus oder eine kommunale Einrichtung am falschen Ort ist aus unserer Sicht kein gutes Bauwerk. Wer zum Beispiel an den Stadt- und Ortsrändern Boden für Einkaufszentren versiegelt, produziert Leerstand in den Zentren und mehr motorisierten Individualverkehr. Als Kollateralschaden dieser Auslagerung wird auch noch der Ort für die Bewohner unattraktiv, weil die Lebensqualität sinkt. Ein Bewusstsein für die Knappheit der Ressource Boden führt hingegen zu einer Belebung der Zentren.“

Zusätzlich zum eigentlichen Baukulturgemeinde-Preis lobt LandLuft auch einen Sonderpreis für außergewöhnliches Engagement aus. Er winkt Initiativen, Unternehmen oder regionalen Zusammenschlüssen, deren boden- und raumordnungspolitisches Engagement besonders vorbildlich ist. Insgesamt 28 Projekte, deren Bandbreite vom Film über die Studienarbeit bis um Bauprojekt reicht, wurden für ihren Einsatz zum Thema „Boden“ nominiert.

Die Gemeinden sind in Summe der größte Bauherr im Land, sie beeinflussen also maßgeblich die (baukulturelle) Entwicklung Österreichs.

Ein enormer Wirtschaftsfaktor

Die LandLuft Baukulturgemeinde-Preise 2009, 2012 und 2016 haben Städte und Gemeinden prämiert, deren baukulturelles Engagement bereits seit Jahren spürbar ist und das Zusammenleben in unterschiedlichsten Bereichen nachhaltig verbessert hat: Umwelt- und Naturschutz, Verkehr, Generationengerechtigkeit, Abbau von Leerständen, Wirtschaft und Infrastruktur, Ortsbild und Siedlungspolitik, Tourismus, Einbindung der Bevölkerung bei relevanten Aufgabenstellungen bzw. Bauvorhaben u. v. m.

„Im Zentrum des Baukulturgemeinde-Preises steht weniger das schöne Gebäude“, erklärt LandLuft-Obfrau Elisabeth Leitner. „Wichtiger ist, wie und in welchem Kontext es entstanden ist und welchen Beitrag es zur kommunalen Entwicklung leistet. Es geht uns um gelebte Baukultur und die Menschen, die sich für eine zukunftsfähige Ortsentwicklung einsetzen. Übrigens sind die Gemeinden in Summe der größte Bauherr im Land, sie beeinflussen also maßgeblich die (baukulturelle) Entwicklung Österreichs!“

Feldkirch in Vorarlberg.

Die 13 ausgewählten Gemeinden:

  • Stadtgemeinde Trofaiach (ST)
  • Stadtgemeinde Mödling (NÖ)
  • Marktgemeinde Ober-Grafendorf (NÖ)
  • Gemeinde Lesachtal (K)
  • Gemeinde Göfis (VO)
  • Marktgemeinde Nenzing (VO)
  • Gemeinde Lang (ST)
  • Stadt Feldkirch (VO)
  • Marktgemeinde Feldkirchen / Donau (OÖ)
  • Marktgemeinde Oberdrauburg (K)
  • Gemeinde Andelsbuch (VO)
  • Gemeinde Innervillgraten (T)
  • Marktgemeinde Thalgau (S)

(nach dem Zeitpunkt der Einreichung gereiht)

Der große PON (Premium Online News) Report

Published on 18. September 2020

Nach dem starken Einbruch infolge der Maßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie im Frühjahr setzt die österreichische Wirtschaft die zur Jahresmitte begonnene Erholung zu Herbstbeginn fort. „Der UniCredit Bank Austria Konjunkturindikator ist im August um 0,8 auf minus 1,4 Punkte gestiegen“, sagt UniCredit Bank Austria Chefökonom Stefan Bruckbauer. „Das neuerlich deutliche Plus signalisiert das hohe Wachstumstempo der österreichischen Wirtschaft. Allerdings nimmt die Dynamik schrittweise ab. Erstmals seit dem Ende des Lockdowns verbesserte sich der Indikator um weniger als einen Punkt gegenüber dem Vormonat. Es zeichnet sich klar ab, dass die Wachstumszuwächse, die sich aus der Wiedereröffnung der Wirtschaft ergeben haben, mittlerweile weitgehend aufgebraucht worden sind und für die weitere Erholung der Wirtschaft einiger Gegenwind besteht. Dies wird sich in den kommenden Monaten in einem geringeren Tempo der Erholung niederschlagen.“

Die Detaildaten des aktuellen UniCredit Bank Austria Konjunkturindikators zeigen die ersten Anzeichen einer Ermüdung der Erholung gegen Ende des dritten Quartals bereits an. Nach der raschen Verbesserung nach der Wiederöffnung der Wirtschaft hat die Stimmung der Verbraucher mittlerweile den zweiten Monat in Folge einen Rückschlag erlitten. Steigende Infektionszahlen erhöhen die Verunsicherung hinsichtlich einer Normalisierung des Wirtschaftslebens und die ungebrochen angespannte Lage am Arbeitsmarkt verfestigt die Zurückhaltung insbesondere bei der Anschaffung langlebiger Konsumgüter. Nachdem die Bauwirtschaft früh und sehr rasch hochgefahren wurde, hat sich hier die beinahe überschießende Hochstimmung wieder gelegt. Nach dem zweiten Dämpfer in Folge herrscht am Bau im August jedoch weiterhin eine optimistische Grundstimmung vor.

„Während sich die Stimmung am Bau und der Konsumenten im August wieder verschlechtert hat, verstärkten sich jüngst die Signale einer Belebung der internationalen Konjunktur mit einer deutlichen Verbesserung des österreichischen Exportumfelds“, berichtet Bruckbauer. „Von diesem Rückenwind profitiert die heimische Industriestimmung bislang allerdings nur in kleinen Aufwärtsschritten. Dagegen hat die Lockerung der Maßnahmen gegen die Pandemie in einigen Dienstleistungsbranchen im August zunehmend für Hoffnung gesorgt.“

BIP-Prognose für 2020 angehoben

Mit der raschen Öffnung der Geschäfte und der Lockerung der sozialen Distanzierungsmaßnahmen erholte sich die Konsumnachfrage nach dem Tief im April spürbar, da durch Kurzarbeit und umfangreiche soziale Transfers die Einkommenseinbußen in Grenzen gehalten werden konnten. Zudem sorgte der bestehende Nachholbedarf für viel Schwung, gestützt auf die während des Lockdowns angesammelten Ersparnisse. Im Schlepptau der Nachfrageerholung verbesserte sich auch die Lage in Industrie und Gewerbe zumal staatliche Garantien und eine sehr unterstützende Geldpolitik die Bereitstellung von Bankkrediten gefördert und sehr günstige Finanzierungsbedingungen erhalten haben.

„Durch den relativ kurzen Lockdown und die darauffolgende rasche Öffnung der Wirtschaft fiel der Einbruch der Wirtschaftsleistung im zweiten Quartal 2020 in Österreich geringer aus als erwartet. „Die fiskal- und geldpolitischen Unterstützungsmaßnahmen haben erwartungsgemäß die Grundlage für eine starke Belebung der Wirtschaft im dritten Quartal geschaffen – wir haben daher unsere BIP-Prognose für 2020 von –8 auf –6,3 Prozent angehoben“, so UniCredit Bank Austria Ökonom Walter Pudschedl. Damit wird der Rückgang der Wirtschaftsleistung 2020 deutlich höher ausfallen als während der Finanzkrise. 2009 sank das BIP in Österreich um real 3,8 Prozent.

Der leichte Teil der Rückkehr zu alter wirtschaftlicher Stärke ist weitgehend erledigt. Die jüngsten Stimmungsindikatoren und realwirtschaftliche Daten weisen auf Gegenwind hin. „Wir sind hinsichtlich des Tempos der Erholung zum Jahreswechsel vorsichtiger geworden“, kommentiert Pudschedl. „Zum einen besteht wegen des schwächeren Wirtschaftseinbruchs weniger Spielraum beim Aufschwung und zum anderen ist die Zahl der Neuinfektionen früher als erwartet wieder gestiegen. Wir haben unsere Wachstumsprognose für 2021 von fast 7 auf 5 Prozent gesenkt.“ Die Prognose basiert auf der Annahme, dass es zwar zu keinem nationalen Lockdown kommt, jedoch zumindest bis zum Frühjahr mit lokalen Beschränkungen zu rechnen sein wird. Jedenfalls werden die Folgen der Pandemie weiterhin spürbar sein und Ende 2021 wird die österreichische Wirtschaft das Auslastungsniveau von vor der Coronakrise noch nicht erreichen.

Arbeitslosenquote Ende 2020 noch bei 9,5 Prozent

Die Entspannung der Lage am österreichischen Arbeitsmarkt hat sich mittlerweile verlangsamt. Der weitere Rückgang der Arbeitslosenquote wird sich schwieriger gestalten, zumal vielen Branchen durch die Pandemiemaßnahmen wirtschaftlich belastet sind. Bei einigen Unternehmen wird das Kurzarbeitsprogramm als Überbrückungshilfe der Coronakrise nicht ausreichen, sodass mit Betriebsschließungen und Personalabbau gerechnet werden muss.

„Der laufende Verbesserungstrend am österreichischen Arbeitsmarkt wird sich in den kommenden Monaten weiter verlangsamen. Nach durchschnittlich 10 Prozent im Jahr 2020 erwarten wir für das kommende Jahr eine Arbeitslosenquote von zumindest 8 Prozent“, meint Pudschedl. Damit wird die Arbeitslosenquote 2021 noch deutlich höher sein als vor dem Ausbruch der Coronakrise. Zu Jahresbeginn 2020 war die saisonbereinigte Arbeitslosenquote auf fast 7 Prozent gefallen.

Mit Beginn des zweiten Halbjahres 2020 stieg die Teuerung in Österreich spürbar an. Trotz des gesamtwirtschaftlichen Nachfrageausfalls bedingt durch die Pandemie kam es vor allem in von der Krise besonders betroffenen Bereichen, wie dem Handel, den Bewirtungsdienstleistungen und der Freizeitwirtschaft kaum zu der erwarteten Inflationsdämpfung. Stattdessen wurden zusätzliche Kosten etwa durch Hygienemaßnahmen auf die Preise überwälzt. „In den kommenden Monaten wird die Inflation im Spannungsfeld zwischen einerseits niedrigem Ölpreis und Nachfrageausfall sowie andererseits den höheren Kosten durch die „Coronakrise“ bestimmt werden“, erklärt Stefan Bruckbauer. „Wir gehen davon aus, dass sich die Teuerung bis zum Jahresende relativ stabil um 1,5 Prozent bewegen wird und haben unsere Erwartung für den Jahresdurchschnitt 2020 von 1,1 auf 1,4 Prozent angehoben.“

Die Prognose für die nächsten Monate

Da von keiner wesentlichen Veränderung des aktuell niedrigen Erdölpreises auszugehen ist, wird bis knapp über den Jahreswechsel 2020/21 von diesem ein dämpfender Effekt auf die Inflation ausgehen. Ab dem Frühjahr 2021 wird der dämpfende Effekt jedoch voraussichtlich auslaufen. Zudem dürfte die seit 1. Juli 2020 geltende Reduktion der Umsatzsteuer auf vor Ort verzehrte Speisen und Getränke bzw. kulturelle Veranstaltungen auf fünf Prozent nicht verlängert werden, was zusätzlichen Preisauftrieb verursachen könnte.

Wenn auch die Zulassung eines Impfstoffs im ersten Halbjahr 2021 schrittweise zur Normalisierung des öffentlichen Lebens führen könnte, wird es noch einige Zeit dauern, bis sich die Konsumnachfrage wieder voll entfalten können wird. Auch wird die wirtschaftliche Unsicherheit sowie die nur langsame Entspannung der Lage am Arbeitsmarkt die Nachfrage noch längere Zeit beschränken. Daher wird von der Nachfrageseite zwar 2021 im Vergleich zu 2020 ein stärkerer Druck auf höhere Preise ausgehen, dennoch ist für 2021 nach Einschätzung der Ökonomen der UniCredit Bank Austria nur eine moderate Aufwärtsentwicklung der Teuerung auf durchschnittlich 1,6 Prozent zu erwarten.

Da sich die Inflation im Euroraum dagegen bis zum Jahresende 2020 um die Nulllinie herumbewegen dürfte, wird die Europäische Zentralbank ihren expansiven geldpolitischen Kurs fortsetzen. „Die niedrigen Inflationserwartungen und das Risiko einer weiteren Aufwertung des Euro dürfte zu einer Aufstockung des Notfallkaufprogramms PEPP der EZB führen“, erwartet Bruckbauer. „Wir gehen von einer Ausweitung um 500 Milliarden Euro bis Ende 2021 aus. Eine Zinssenkung erwarten wir aus heutiger Sicht jedoch nicht.“

Überwiegender Optimismus im eigenen Betrieb

Da die Corona-Pandemie den österreichischen Unternehmen in den letzten Monaten einiges abverlangt hat, schätzen diese laut einer aktuellen Studie von Deloitte und SORA die Stimmung am Markt doch entsprechend verhalten ein. Innerhalb des eigenen Betriebes überwiegt jedoch der Optimismus. Gleichzeitig gibt es einen großen Wunsch nach Veränderung: Die Unternehmen fordern nachhaltige Maßnahmen und wollen keine Rückkehr zu alten Mustern. Die Senkung der Lohnnebenkosten ist die nachdrücklichste Forderung. Außerdem stehen die langfristige Flexibilisierung der Arbeitswelt und die Ökologisierung des Steuersystems im Fokus. Denn auch in der durch COVID-19 ausgelösten Krise ist der Klimawandel nicht aus den Köpfen der Führungskräfte verschwunden – ganz im Gegenteil.

Mehr als die Hälfte der 614 befragten Führungskräfte glaubt, dass es ihren Kunden und ihrer Branche aktuell eher schlecht geht. „Mitten in der Corona-Krise haben die österreichischen Unternehmen ihren Optimismus nicht verloren – das ist eine erfreuliche Überraschung“, erklärt dazu SORA-Geschäftsführer Christoph Hofinger. „Dennoch nimmt die Sorge um die Marktentwicklung spürbar zu. Die Unternehmen verengen in dieser Situation aber nicht ihren Horizont, sondern sind bereit für nachhaltige Veränderungen.“

Reformbedarf

In puncto regulatorisches Umfeld belegt die Studie: Am wichtigsten sind den österreichischen Unternehmen jetzt Reformen, die ihre Wirkung direkt im Betrieb entfalten. Neun von zehn Befragten fordern eine Senkung der Lohnnebenkosten (95%), eine steuerliche Entlastung nicht entnommener Gewinne (92%) sowie Vereinfachungen bei Förderungen (90%). Im Gegenzug zu diesen Erleichterungen würde die Mehrheit dafür auch andere Abgaben akzeptieren – allen voran im Energiebereich.

„Akuthilfen machen Sinn und bringen kurzfristige Lösungen“, kommentiert Bernhard Gröhs, CEO von Deloitte Österreich. „Langfristig braucht es aber nachhaltige Maßnahmen wie die Senkung der Lohnnebenkosten und die nachhaltige Förderung von Investitionen. Diese Forderungen sind lange bekannt, brennen aber jetzt besonders unter den Nägeln.“ Mehr als die Hälfte der Unternehmen ist laut Umfrage bereit, auch selbst zu investieren: In die Qualifizierung ihrer Mitarbeiter, in die Digitalisierung sowie in die Umsetzung von Umweltmaßnahmen.

Allerdings haben die Krisenmonate Spuren hinterlassen. Im Vorjahr waren nur 24% über die Umsatz- und Gewinnentwicklung besorgt, heuer sind es ganze 52%. Dennoch sehen 57% der generellen Entwicklung des eigenen Betriebes eher zuversichtlich entgegen. Hinsichtlich des internationalen Umfelds und der globalen Herausforderungen zeigen sich die Unternehmen dagegen sorgenvoll. Das meiste Kopfzerbrechen bereiten die sozialen Folgen der Covid-19-Krise (75%) und die mittelfristige Konjunkturschwäche (70%). Und auch wenn die Corona-Krise allgegenwärtig ist – der Klimawandel ist nicht aus den Köpfen verschwunden. Er stellt für mehr als zwei Drittel (68%) der Befragten eine Sorge dar. Das bedeutet im Vergleich zum Vorjahr sogar einen Anstieg um 16 Prozentpunkte.

Die Wirtschaft wird (noch) flexibler

Viele Folgen der Corona-Krise werden die österreichische Wirtschaft laut den Befragten noch länger begleiten. So hat die Pandemie langfristige Auswirkungen auf Arbeitsprozesse und die Unternehmenskultur: Home-Office, Online-Meetings und mehr Selbstverantwortung werden auch in Zukunft bleiben.

74% rechnen mit einer langfristigen Zunahme der Flexibilität in der Belegschaft hinsichtlich ihrer Arbeitsweisen und Aufgaben, 70% erwarten auch flexiblere betriebliche Strukturen. Gesundheitsfördernde Maßnahmen rücken bei 69% in den Fokus.

Wie infiziert sind Österreichs Gemeinden?

Published on 11. Mai 2020

Sie sind für die Bevölkerung wichtige Ansprechpartner und halten mit großem persönlichen Einsatz den täglichen Betrieb und die Infrastruktur am Laufen. Durch den zu erwartenden Rückgang der Kommunalsteuer und der Ertragsanteile wird die Covid-19-Krise auch zur finanziellen Herausforderung für die Gemeinden. Ein gemeinsames und beherztes Vorgehen sowie eine gute Abstimmung zwischen Bund, Ländern und Kommunen sind daher erforderlich. Prinzipiell ist der gute Wille auch so gut wie überall spür- bzw. erkennbar. Aber auch die Gemeinden werden es nicht leicht haben …

„Das Land Oberösterreich konnte den Bürgermeistern zusichern, dass die Bedarfszuweisungsmittel für aktuell in Umsetzung befindliche Projekte gesichert sind“, sagen der oö. Gemeinde-Landesrat Max Hiegelsberger und der oö. Gemeindebund-Präsident Johann Hingsamer. Auch neue Projekte der Daseinsvorsorge können gestartet werden. „Zukunftsinvestitionen in den Bereichen Bildung oder Sicherheit sollen weiter geplant und durchgeführt werden“, kann sich Hiegelsberger einen kleinen Vergleich jedoch nicht verkneifen. „Das Land Oberösterreich handelt hier bewusst anders als beispielsweise Tirol, das einen generellen Stopp für neue Projekte verfügt hat.“

Generell müssen die öffentlichen Haushalte in der aktuellen Situation ihre Reserven nutzen, um den Wirtschaftskreislauf in Schwung zu halten. Die CoV-Pandemie strapaziert natürlich auch die Budgets der Gemeinden: Im Gegensatz zu Bund und Ländern ist es aber für viele Bürgermeister schwerer, an rettende Kredite zu kommen. Ohne Zusatzmaßnahmen könnten deshalb etliche österreichische Kommunen schon bald Zahlungsprobleme bekommen und die Bürgermeister müssen sich fragen, ob sie im Herbst noch alle Gehälter zahlen und ihren Verpflichtungen nachkommen können.

Bei den Kommunalsteuern wird es für die Gemeinden deutliche Einbußen geben.

(Viel) Weniger Steuereinnahmen

Dabei gibt es eine vordergründig gute Nachricht für die Gemeinden: Bei den indirekten Steuereinnahmen – „gelernter“ Begriff: „Finanzausgleich“ – leitet der Bund einen Teil seiner Einnahmen etwa aus Umsatz- oder Körperschaftssteuern an die Länder und eben an die Kommunen weiter. Der Prozentsatz dieser Anteile ist fix ausverhandelt, wodurch die überwiesenen Summen direkt von der Höhe der Steuereinnahmen abhängig sind. Die Verrechnung erfolgt allerdings erst zwei Monate später. Die Einbrüche, die der Bund schon im März gespürt hat, werden sich also erst jetzt im Mai in den Gemeindebudgets zeigen, der somit alles andere als ein „Wonnemonat“ sein wird.

Für ganz Österreich (exkl. Wien) rechnet der Gemeindebund für den Mai mit einem Minus von mehr als 13 Prozent. Und die Situation dürfte sich dann weiter verschlechtern, denn die Talsohle soll laut vorsichtigen Schätzungen erst im Juli erreicht werden. Der Gemeindebund geht von Einbußen in Höhe von mindestens 100 Millionen Euro beim Finanzausgleich aus, dazu käme etwa das Doppelte – also weitere 100 Millionen Euro weniger als budgetiert – aus dem Bereich der Kommunalsteuer, die direkt von den Unternehmen an „ihre“ Kommunen zu entrichten sind. Beträchtliche Einbußen sind natürlich auch bei Tourismus- bzw. „Lustbarkeits“-Abgaben zu befürchten.

In Niederösterreich seien wenigstens die Zahlungen VOR der Krise relativ hoch ausgefallen. Außerdem wurden im Landtag bereits Kreditregeln für Gemeinden gelockert. Nicht jede Gemeinde kann allerdings gleich gut auf zusätzliche Kredite zurückgreifen, denn der Schuldenstand pro Kopf ist im größten Bundesland im Österreich-Vergleich sehr hoch. Im niederösterreichischen Durchschnitt lag der Schuldenstand zuletzt bei mehr als 2.000 Euro pro Einwohner, in einzelnen Kommunen bei fast 9.000 Euro. Dadurch kann es für Gemeinden im Unterschied zum Bund und auch den meisten Ländern sehr schwierig werden, neue Geldgeber zu finden. Der Präsident des Österreichischen Gemeindebunds Alfred Riedl wünscht sich jedenfalls ein Konjunkturpaket für die Kommunen. Nach der Bewältigung der Gesundheitskrise müsse es hier Gespräche mit Bund und Ländern geben: „Wir dürfen auf keinen Fall vergessen, dass die Gemeinden die lokalen Konjunkturmotoren sind.“

Wirtschaft ist Psychologie

Published on 5. Mai 2020

WKW Präsident Ruck

Am Dienstag den 14. April waren nach einem Monat wieder 14.300 Geschäfte für Kunden geöffnet – ein erster Schritt in Richtung Normalisierung. Wie gut hat die Wirtschaft den Shutdown bislang überstanden?

Die Wirtschaftsforscher von Wifo und IHS rechnen damit, dass das BIP im Jahr 2020 um rund fünf Prozent sinken könnte. Wir hatten also definitiv schon bessere Zeiten und vermutlich wird die Lage auch noch länger angespannt bleiben. Es gibt aber auch Hoffnungsschimmer.

Welche?

Wir hoffen zum Beispiel immer noch, dass der Zeitraum der Einschränkungen möglichst kurz gehalten werden kann. Wie rasch wir wirklich wieder in den Normalzustand zurückkommen werden, ist allerdings schwer vorherzusagen.

Zumindest können jetzt wieder viele Betriebe öffnen. Es ist nur fraglich, wie die Kunden reagieren. Wie war bislang das Feedback vom Handel?

Natürlich waren alle überrascht, wie stark die Baumärkte gestürmt wurden. Die Erwartungen waren generell nicht besonders hoch. Nach der Phase der Einschränkung konnte niemand absehen, wie die Möglichkeit Einzukaufen angenommen wird. Die Erfahrungen aus dem Handel zeigen, dass die Kunden bislang noch recht zurückhaltend sind. Allerdings haben viele Geschäftsinhaber, die öffnen dürften, auch noch geschlossen, weil sie bis nächste Woche abwarten wollen. Genaueres werden wir also vermutlich erst in ein paar Tagen wissen. Wie immer gilt: Wirtschaft ist Psychologie. Das Signal zu öffnen war unheimlich wichtig.

Die Ausbreitung des Virus scheint unter Kontrolle zu sein, womit der Blick auf die Folgen wieder frei wird. Rechnen Sie, wie viele Experten, mit einer Finanzkrise im Nachgang der Pandemie?

Dazu gibt es eine positive und eine nicht so positive Einschätzung. Die positive: Österreich hat bis jetzt optimal auf die Herausforderung reagiert. Die Maßnahmen sind geeignet, um schnell aus der Krise herauszufinden. Die nicht so gute Einschätzung: Wir sind ein Land, das von Export und internationalen Verflechtungen abhängig ist. Und hier bleibt abzuwarten, wie es zum Beispiel wichtigen Exportmärkten wie Deutschland und Italien gehen wird. Das können wir nicht beeinflussen. Wenn aus der Gesundheitskrise auch eine Wirtschaftskrise wird, dann könnte es auch auf lange Sicht gesehen schwierig werden. Die Bandbreite der Szenarien ist extrem groß. Einschätzungen sind deshalb gerade nicht sehr verlässlich.

Tatsächlich kann noch niemand sagen, wie sich die Infektionszahlen und damit das öffentliche Leben in den kommenden Wochen und Monaten gestalten werden. Betriebe müssen trotzdem irgendwie planen. Wie können sie sich auf diese Phase einstellen?

Das ist die große Schwierigkeit. Wir wissen nicht, wie sich die Möglichkeiten gestalten werden. Am schlimmsten wäre es, wenn Öffnungen wieder zurückgenommen werden müssten. Ich selbst mache es als Unternehmer so: Ich fahre jetzt nur mehr auf halbe Sicht. Denn es kann auch sein, dass die Öffnungen dazu führen, dass die Ansteckungsraten wieder wachsen und man den Kontakt wieder zurückfahren muss. Das fürchte ich ein wenig. Solche Wellen sind für Unternehmen besonders belastend. Die Öffnungskosten und Schließungskosten sind immer überproportional hoch.

Bei diesem Spektrum an Ungewissheit ist es vor allem extrem schwierig, richtige Personalentscheidungen zu treffen.

Deswegen wurde auch bei der Kurzarbeit fast stündlich nachgebessert. Sie ist ein enorm wichtiges Instrument, damit man zum Zeitpunkt des Wiederanfangs Personal hat und bis dahin die Flexibilität, das Ausmaß anzupassen. Kurzarbeit ist allerdings eine Methode, die nur über ein paar Monate helfen kann. Sie ist kein langfristiges Instrument.

Wo könnten wir denn nach den sechs Monaten stehen, auf die Kurzarbeit ausgelegt ist?

Im Idealfall steht in sechs Monaten eine Medikation zur Verfügung, wir haben die Sterblichkeit im Griff, müssen zwar noch vorsichtig sein, aber das Leben geht wieder halbwegs normal weiter. Wir lernen ständig dazu und die Datenbasis wird täglich besser. Dadurch können wir auch bessere Lösungen entwickeln. Aus meiner Sicht wird der 1. Mai spannend. Zu diesem Zeitpunkt werden wir sehr genau sehen, wie sich die Öffnung ausgewirkt hat.

Was brauchen die Unternehmen, um wieder optimal hochfahren zu können?

In einer Zeit, in der man nicht weiß, was das Morgen bringt, ist das Wichtigste, dass Informationen zeitgerecht und korrekt sind. Die Regierung bemüht sich sehr, richtig und rasch zu informieren, wohin die Reise geht. Damit Unternehmen so gut wie möglich planen können, müssen sie auf Basis der vorhandenen Infos laufend ihre Möglichkeiten bewerten und in verschiedenen Szenarien denken. Dabei sind nun der Informationstakt und die Häufigkeit dieser Updates ganz entscheidend. Darüber hinaus brauchen Betriebe Zuversicht und Optimismus.

Sehen Sie auch Chancen in der Entwicklung?

Ich möchte Plattitüden vermeiden, aber natürlich birgt jede Herausforderung auch Chancen. Hätte man sich diese Situation gewünscht? Natürlich nicht. Aber jetzt ist es die Aufgabe der Unternehmen auf das Unvermeidliche zu reagieren und zu schauen, was man daraus lernen kann.

Was könnte ein generelles Learning sein?

Ich glaube zum Beispiel, dass in Zukunft nicht mehr jede Dienstreise nach Fernost stattfinden wird. Wir haben uns sehr schnell mit anderen Methoden vertraut gemacht. Ich glaube auch, dass der lokale Handel noch nie so einen hohen Stellenwert hatte wie jetzt. Nicht nur auf Seite der Angebote, sondern auch aufgrund der Nachfrage-Situation. Diese Entwicklung sollten wir fortführen. Wie viel Komplexität ist in Supplychains wirklich notwendig? Kann sie wieder zurückgefahren werden? Das werden die Fragen sein, die wir uns im Nachgang stellen und beantworten werden. Ich bin mir fast sicher, dass wir nicht mehr zu so einer Feingliedrigkeit kommen werden. Denn die Verfügbarkeit ist nicht immer vorauszusetzen – wie wir jetzt gesehen haben.

In diesem Zusammenhang wurde nun oft das Schlagwort der Glokalität verwendet. Wie könnte eine gelungene Umsetzung aussehen?

Bislang wurde eine grenzenlose Verfügbarkeit aller Güter unterstellt. Es ging nur darum, möglichst kostengünstig zu produzieren und zu transportieren. Dieses System hat man vor Corona nur in Frage gestellt, weil die Umweltkosten sehr hoch waren. Jetzt zeigt sich, dass die Verfügbarkeit im Krisenfall nicht gegeben ist. Damit, dass man in einem Europa der grenzenlosen Reisefreizügigkeit, nicht einmal  mehr nach Bratislava kommt, hat natürlich niemand gerechnet. Wien hat in diesem Zusammenhang allerdings gewisse Vorteile, da wir immer auf eine hohe Produktivität im Großraum gesetzt haben und die Stadt zu einem guten Teil aus dem Umland versorgt werden kann.

Können Sie sich eine stärkere Renaissance von Handwerk und Produktion in der Stadt vorstellen?

Die Vorstellung gefällt mir natürlich. Um eine Wiedergeburt handelt es sich zum Glück nicht, denn die Produktion ist in Wien nie gestorben. Wien hat immer Produktion in der Stadt zugelassen. Um diesen Faktor zu stärken, haben wir schon lange vor der Krise ein Fachkonzept mit der Stadt Wien aufgesetzt, dass die Produktion in der Stadt als notwendig und wünschenswert ausweist. Diese Krise bestätigt uns sehr darin.

„Ich bin mir sicher, dass wir die Entbehrungen dieser Krise meistern werden.“

Die Stadt wächst pro Jahr um rund 15.000 Personen. Was bedeutet das für die Betriebe? Werden sie zunehmend verdrängt?

Verdrängungswettbewerb gibt es definitiv. Aber in dem genannten Fachkonzept haben wir festgehalten, dass zusammenhängende Betriebsbauflächen beibehalten werden. Auch die Stadt-Politik hat verstanden, dass es gut ist in Wien zu produzieren. Das ist auch eine Frage der Beschäftigung. Nicht alle Menschen können Dienstleister sein, es gibt auch viele begabte Handwerker. Wien ist eine Stadt der kurzen Wege. Es wäre nicht sinnvoll, wenn die Menschen auf der einen Seite schlafen und wohnen, ihre Freizeit in einem anderen Teil verbringen und dann wieder ganz wo anders arbeiten. Die Herausforderung ist natürlich komplex, da der Bedarf an Wohnraum steigt. Aber man kann Pufferzonen schaffen und den Verkehr entsprechend regeln. Satellitensiedlungen und weite Anfahrtswege will bestimmt niemand.

Aktuell ist Digitalisierung entscheidend dafür, wie gut Unternehmen durch die Krise kommen. Schon vor der Krise haben viele Betriebe die vorhandene Infrastruktur bemängelt. Wie gestaltet sich gerade die Lage?

Wir machen jetzt den Elchtest. Die Belastungssituation ist enorm und ich muss sagen: Hut ab vor der Netzqualiät. Es ist natürlich aber auch so, dass wir uns überlegen müssen, wo Wertschöpfung stattfinden soll. In allen Gemeinden Österreichs gibt es immer mehr EPU. Und es macht einen Unterschied, ob man im Waldviertel ohne Breitband ist und sich deswegen an einem anderen Standort ein Büro nehmen muss. Das verursacht unnötige Kosten. Ich wünsche mir deswegen höhere Investitionen in den Ausbau des Datenverkehrs. Sie machen sich bezahlt: bei den Ergebnissen der Betroffenen, aber auch gesamtwirtschaftlich, weil die Wertschöpfung gesteigert wird und die Umweltkosten sinken.

Wie wichtig gute Verbindungen sind, haben die letzten Wochen eindringlich gezeigt. Denken Sie, dass nun mehr Geld locker gemacht wird?

Es ist nicht nur eine Frage des Geldes. Derzeit verlegt man Glasfaserkabel, indem man sie in Kinetten eingräbt. Es würde nur ein Zehntel kosten, würde man sie in den Asphalt einfräsen. Doch dafür braucht es Genehmigungen. Würden wir den technologischen Fortschritt nutzen, bekämen wir den zehnfachen Effekt. Doch das ganze Thema ist Work in Progress. Die Daten werden mehr und gleichzeitig werden die Bandbreiten ausgebaut. Klar ist, dass weiße Flecken weg müssen, die es auch noch in Wien gibt.

Mancher Betrieb hat jetzt gezwungener Maßen intensiver über digitale Alternativen nachgedacht. Wir sehen viele tolle Ideen. Was braucht es, um diesen Spirit mitzunehmen und den Standort stärker im Bereich Innovation zu positionieren?

Wann immer ich im Ausland unterwegs bin, merke ich, dass Wien als Stadt der Musik und Kultur bekannt ist. Aber die wenigsten Menschen wissen, dass wir die größte deutsche Universitätsstadt sind. Innovation entsteht immer im Zusammenhang mit Wissen und das entsteht auf den Unis. In den Branchen Lifescience und Biotec findet extrem viel statt. Wir stellen in diesen Bereichen unser Licht unter den Scheffel. Wien weist zudem österreichweit die höchste Quote an Dienstleistungsexporten auf. Auch das ist ein Humus, auf dem mehr wachsen kann.

Im Geleit der Krise wird nun auch vermehrt von einem Umbau der Wirtschaft in Richtung Ökosoziale Marktwirtschaft gesprochen. Werden Themen wie die Dritte Piste und der Lobau-Tunnel nach der Pandemie noch die gleiche Bedeutung haben?

Ja, das glaube ich. Der Lobau-Tunnel ist wichtig, um den neuen Stadtteil Seestadt Aspern zu erschließen. Wenn man einen neuen Stadtteil errichtet, müssen die Menschen ihn auch erreichen können. Das hat sich nicht geändert. Und wenn wir ein internationaler Standort sein wollen, dann stellt sich auch in Zukunft die Frage der Konnektivität. Ich glaube, dass Wien ein internationaler Standort ist und bleiben wird. Gute Flugverbindungen zu haben, macht für Standortentscheidungen einen wesentlichen Unterschied. Das wird sich ebenfalls nicht ändern.

Haben Sie ein Bild im Kopf, wo Wien in einem Jahr steht?

Ich bin von dem Standort und seinen Wirtschaftstreibenden überzeugt. Ich bin mir sicher, dass wir die Entbehrungen dieser Krise meistern werden und dass wir mit einer gewissen Distanz sagen können, dass wir etwas daraus gelernt haben.

Das Interview führte Mag. Stephan Strzyzowski / Chefredakteur – Die Wirtschaft. Newsletter Anmeldung: www.die-wirtschaft.at/newsletter

Ein ganz starkes „Ja“ zum Leben

Published on 4. Mai 2020

Peter Stark hat seinen Master of Business Adminis­tration für Internationales Marketing und Sales an der WU gemacht, war Managing Partner bei Winterheller software und agierte erfolgreich als „Zahlenmensch“, wie u.a. seine Publikation „Das 1×1 des Budgetierens“ (Wiley, 2006) beweist. Und dann kamen schlimme Zeiten: In seinen 40ern erlebte er schwere Rückschläge in mehreren Lebensbereichen und erlitt eine tiefe Depression. Nomen est omen, bewies Peter Stark Kampfgeist: „Ich wollte mit dieser Situation ohne klassische medizinische Unterstützung fertig werden und meine sozialen Muster neu programmieren.“

Inspirierende Begegnungen

Das gelang, denn Stark stellte kompromisslos seine Familie in den Mittelpunkt. „Gleichzeitig bin ich leidenschaftlicher Unternehmer. Mein Berufsleben hat mich zu einem charismatischen Leader gemacht und ich liebe den Vertrieb. Das reicht von der Medizintechnik, über Landwirtschaft und erneuerbare Energien von Berlin, über Weibern (Oberösterreich) bis Hollywood.“

Vor allem sein Engagement als Vorstand bei der Restrukturierung eines Berliner Traditionsunternehmens in der Filmbranche habe seinen Horizont sehr erweitert. „Ich durfte bei unseren Glamour-Kunden hautnah miterleben, was im Leben alles möglich ist. Von diesen Begegnungen bin ich ständig inspiriert.“

Peter Dampf in allen Gassen …

Am meisten Aufmerksamkeit generiert Stark aktuell wohl mit Infinity Media, einem „frischen“ Player am Outdoor-Werbemarkt. Infinity Media konzipiert und realisiert digitale Sharing Economy-Projekte. Im Fokus steht die kooperative werbliche Nutzung vorhandener Ressourcen. „Wir statten Schaufenster mit großflächigen LED-Bildschirmen aus oder wandeln Glasflächen in Projektionsflächen um. Damit bieten wir neue Werbemöglichkeiten im digitalen Out-Of-Home-Bereich und dadurch eine Win-Win-Win-Win-Situation für Eigentümer leer stehender Geschäftslokale, Städte, Firmen – und für uns.“

Besonders spektakulär fiel kürzlich die Unterstützung der Regierungskampagne „Schau auf dich, bleib zu Hause!“ aus: Auf allen großflächigen Mediastellen wurde die Hälfte (!) der Zeit kostenfrei zur Verfügung gestellt, täglich somit 27.000 Ausspielungen, um Menschen vor Ansteckung oder gar vor dem Tod zu schützen. „Unser Beitrag als Teil des Team Österreich“, so Stark. Übrigens: Schon Anfang Mai startet Infinity zwei ganz besondere Initiativen für den österreichischen Tourismus und für die Wiener Gastronomie!

Coaching und Vorlesungen

Ebenso wichtig („Am schwersten tu’ ich mir immer mit der Frage: Was machst Du eigentlich?“) ist Stark sein Engagement als „Performance Coach“ mit dem Basiskonzept der „lebensbejahenden Denkweise“.

Vor knapp zwei Wochen waren es bei einem Webinar „fast 250 Teilnehmer, die sich von uns inspirieren ließen – nicht Corona-spezifisch, sondern ganz allgemein, weil wir aktuelle Themen im Rollenverständnis ansprechen. Und das ist momentan eine Herausforderung, weil Familienmitglieder plötzlich in ganz unterschiedlichen Rollen zu Hause sind.“

Damit nicht genug, ist Stark u.a. an den Unis in Wien und St. Gallen ebenso engagiert wie für IRR, für Management Circle oder das Asia Pacific Institute in China. Unterm Strich also ein wirklich „ganz starkes Ja zum Leben“.

Eine Erfolgsstory in Zeiten wie diesen

Published on 4. Mai 2020

Erstmals in der Geschichte des Unternehmens und 30 Jahre nach dessen Börsengang liefert die Rath Gruppe mit mehr als 100 Millionen Euro den höchsten Umsatz der Firmengeschichte mit einem profitablen Ergebnis. Erfolgreich umgesetzt wurde darüber hinaus das Ziel, anorganisch zu wachsen: Im Rahmen eines Asset Deals übernahm Rath im August 2019 die Produktion von feuerfesten Materialien für die Glasindustrie von der Schweizer Bucher Emhart Glass. Damit konnte Rath den strategischen Fokus auf die Glasindustrie maßgeblich vertiefen und sich noch stärker im Wachstumsmarkt der Behälterglasindustrie positionieren.

Die Umsatzerwartungen für 2020 sind aufgrund von Covid-19 gedämpft. Um die Liquidität im Konzern zu stärken, werden Vorstand und Aufsichtsrat in der kommenden Hauptversammlung im Oktober 2020 keine Dividendenausschüttung vorschlagen.

Andauernde Handelskonflikte zwischen den USA und China sowie Europa, ein Brexit, der immer wieder hinaus geschoben wurde – dies war 2019 alles andere als ideal. Dennoch verzeichnete die Rath Gruppe wieder ein starkes Umsatzwachstum und erreichte den höchsten Gruppenumsatz in der nun bald 130-jährigen Unternehmensgeschichte: Dieser stieg auf 100,07 Mio. Euro Vorjahr: 94,5 Mio. Euro) und damit um 6% gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Nach Bereinigung außerordentlicher Einmaleffekte wurde das 2018 erzielte, beste Ergebnis seit dem Börsengang im Jahr 1989 nochmals im EBITDA übertroffen, die EBITDA-Marge liegt bei 14,1% (Vorjahr 13,5%). Leicht unter dem Vorjahresniveau blieb das um Einmaleffekte bereinigte EBIT, die EBIT-Marge beläuft sich auf 8,4% (Vorjahr: 8,9%). „Trotz abflachender Nachfrage im 2. Halbjahr 2019 konnten wir unser langjähriges Absatzziel von 100 Mio. Euro erreichen, die Profitabilität der Gruppe befindet sich weiterhin auf einem guten Niveau“, resümiert CFO/CSO Andreas Pfneiszl. „Ausschlaggebend für diesen Erfolg war unsere strategische Ausrichtung gepaart mit Premium-Nischenprodukten und hochwertigen Services.“

Glasindustrie: Strategisch wichtiger Zukauf in den USA

Nicht nur über neue Produkte aus den Werken, sondern auch anorganisch zu wachsen war ein wesentliches Ziel der Gruppe für 2019. Ein Meilenstein im abgelaufenen Jahr war daher der Kauf des Feuerfestbereichs von Bucher Emhart Glass (CH) im August 2019: Mit dem Zukauf des US-Werks in Owensville (Missouri) ist Rath in das Verschleißteilgeschäft von feuerfesten Produkten für die Behälterglasindustrie eingestiegen. „Dank dieser Akquisition konnten wir unseren strategischen Fokus auf die Glasindustrie vertiefen, Know-how und Kompetenz erheblich steigern und sind nun in der Lage ein wesentlich größeres Produktportfolio für die Behälterglasindustrie anzubieten“, so Andreas Pfneiszl.

Einen weiteren Meilenstein gab es 2019 im Bereich keramischer Heißgas-Filtration: Durch die Unterzeichnung eines Kooperationsvertrags mit BWF Offermann, Waldenfels & Co. KG (Offingen, Deutschland) übernahm Rath die Produktion von dessen keramischen Heißgasfilterelementen. Die Vereinbarung betrifft die Produktion der keramischen Heißgasfilterelemente der BWF Envirotec GmbH, die nun von RATH Filtration im eigenen Heißgasfilter-Kompetenzzentrum im sächsischen Meißen (Deutschland), wo seit 2016 alle katalytischen und nicht-katalytischen keramischen Filterelement hergestellt werden, durchgeführt wird. Zu einem Wechsel im Vorstand kam es im Herbst 2019: Das Vorstandsmandat von Jörg Sitzenfrey wurde nicht verlängert, seit 1. Oktober ist Ingo Gruber als COO und CTO für die Bereiche Produktion und Technik verantwortlich. Nach beruflichen Stationen in Österreich, Deutschland und zuletzt Indien – hier war er für Dalmia/OCL Refractories (New Delhi) als Executive Director Manufacturing & Technology (CTO, COO) tätig – bringt Ingo Gruber sein umfassendes Feuerfesttechnologie Know-how nun bei Rath ein.

Schwierige Ausgangssituation für heuer

„Aufgrund der globalen COVID-19-Pandemie haben Regierungen weltweit als Reaktion rigorose Maßnahmen gesetzt – Lockdowns ganzer Städte und Regionen – , wodurch die ursprünglich gesetzten Ziele für 2020 aktuell nicht umsetzbar sind“, sagt Andreas Pfneiszl. „Das bedeutet, dass wir aktuell auf Sicht fahren. Eine Einschätzung der Auswirkungen in konkreten Zahlen ist derzeit seriöser Weise nicht möglich.“ Aufgrund dieser Entwicklungen werden Vorstand und Aufsichtsrat in der kommenden Hauptversammlung am 2. Oktober 2020 keine Dividendenausschüttung vorschlagen und somit die Liquidität im Konzern stärken.

Rath ist Spezialist für Feuerfest-Technologie mit einem umfassenden Produktsortiment an feuerfesten Werkstoffen für Anwendungstemperaturen bis 1800°C. Die Rath AG mit Sitz in Wien hat sich mit 577 Mitarbeitern (Jahresdurchschnitt im Jahr 2019) und Vertriebsvertretungen in mehr als 30 Ländern international als renommierter Anbieter von

Feuerfestlösungen etabliert. In eigenen Werken in Österreich, Deutschland, Ungarn und den USA stellt die Rath Gruppe ein breites Spektrum innovativer und hochwertiger feuerfester Produkte her. Produziert werden dichte Steine, Feuerleichtsteine, Betonformteile sowie Hochtemperaturwolle und Vakuumformteile. Neben der klassischen Materiallieferung unterstützt Rath mit Gesamtlösungen und bietet zur Komplettierung der Kundenanforderungen umfangreiche Serviceleistungen wie Planung, Montage, Baustellenüberwachung als auch Wartung und Reparatur an.

So geht Zukunft: Die Welt nach Corona

Published on 24. März 2020

Gastkommentar von Matthias Horx

Ich werde derzeit oft gefragt, wann Corona denn „vorbei sein wird“, und alles wieder zur Normalität zurückkehrt. Meine Antwort: Niemals. Es gibt historische Momente, in denen die Zukunft ihre Richtung ändert. Wir nennen sie Bifurkationen. Oder Tiefenkrisen. Diese Zeiten sind jetzt.

Die Welt as we know it löst sich gerade auf. Aber dahinter fügt sich eine neue Welt zusammen, deren Formung wir zumindest erahnen können. Dafür möchte ich Ihnen eine Übung anbieten, mit der wir in Visionsprozessen bei Unternehmen gute Erfahrungen gemacht haben. Wir nennen sie die Re-Gnose. Im Gegensatz zur Pro-Gnose schauen wir mit dieser Technik nicht „in die Zukunft“. Sondern von der Zukunft aus zurück ins Heute. Klingt verrückt? Versuchen wir es einmal!

Die Re-Gnose: Unsere Welt im Herbst 2020

Stellen wir uns eine Situation im Herbst vor, sagen wir im September 2020. Wir sitzen in einem Straßencafe in einer Großstadt. Es ist warm, und auf der Straße bewegen sich wieder Menschen. Bewegen sie sich anders? Ist alles so wie früher? Schmeckt der Wein, der Cocktail, der Kaffee, wieder wie früher? Wie damals vor Corona? Oder sogar besser?

Worüber werden wir uns rückblickend wundern?

Wir werden uns wundern, dass die sozialen Verzichte, die wir leisten mussten, selten zu Vereinsamung führten. Im Gegenteil. Nach einer ersten Schockstarre führten viele von sich sogar erleichtert, dass das viele Rennen, Reden, Kommunizieren auf Multikanälen plötzlich zu einem Halt kam. Verzichte müssen nicht unbedingt Verlust bedeuten, sondern können sogar neue Möglichkeitsräume eröffnen. Das hat schon mancher erlebt, der zum Beispiel Intervallfasten probierte – und dem plötzlich das Essen wieder schmeckte. Paradoxerweise erzeugte die körperliche Distanz, die der Virus erzwang, gleichzeitig neue Nähe. Wir haben Menschen kennengelernt, die wir sonst nie kennengelernt hätten. Wir haben alte Freunde wieder häufiger kontaktiert, Bindungen verstärkt, die lose und locker geworden waren. Familien, Nachbarn, Freunde, sind näher gerückt und haben bisweilen sogar verborgene Konflikte gelöst.

Die gesellschaftliche Höflichkeit, die wir vorher zunehmend vermissten, stieg an.

Jetzt, im Herbst 2020, herrscht bei Fußballspielen eine ganz andere Stimmung als im Frühjahr, als es jede Menge Massen-Wut-Pöbeleien gab. Wir wundern uns, warum das so ist.

Wir werden uns wundern, wie schnell sich plötzlich Kulturtechniken des Digitalen in der Praxis bewährten. Tele- und Videokonferenzen, gegen die sich die meisten Kollegen immer gewehrt hatten („der Business-Flieger war besser“), stellten sich als durchaus praktikabel und produktiv heraus. Lehrer lernten eine Menge über Internet-Teaching. Das Homeoffice wurde für viele zu einer Selbstverständlichkeit – einschließlich des Improvisierens und Zeit-Jonglierens, das damit verbunden ist.

Gleichzeitig erlebten scheinbar veraltete Kulturtechniken eine Renaissance. Plötzlich erwischte man nicht nur den Anrufbeantworter, wenn man anrief, sondern real vorhandene Menschen. Das Virus brachte eine neue Kultur des Langtelefonierens ohne Second Screen hervor. Auch die „Messages“ selbst bekamen plötzlich eine neue Bedeutung. Man kommunizierte wieder wirklich. Man ließ niemanden mehr zappeln. Man hielt niemanden mehr hin. So entstand eine neue Kultur der Erreichbarkeit. Der Verbindlichkeit.

Menschen, die vor lauter Hektik nie zur Ruhe kamen, auch junge Menschen, machten plötzlich ausgiebige Spaziergänge (ein Wort, das vorher eher ein Fremdwort war). Bücher lesen wurde plötzlich zum Kult.

Reality Shows wirkten plötzlich grottenpeinlich. Der ganze Trivia-Trash, der unendliche Seelenmüll, der durch alle Kanäle strömte. Nein, er verschwand nicht völlig. Aber er verlor rasend an Wert.

Kann sich jemand noch an den Political-Correctness-Streit erinnern? Die unendlich vielen Kulturkriege um … ja um was ging es da eigentlich?!
Krisen wirken vor allem dadurch, dass sie alte Phänomene auflösen, über-flüssig machen …
Zynismus, diese lässige Art, sich die Welt durch Abwertung vom Leibe zu halten, war plötzlich reichlich out.
Die Übertreibungs-Angst-Hysterie in den Medien hielt sich, nach einem kurzen ersten Ausbruch, in Grenzen.
Nebenbei erreichte auch die unendliche Flut grausamster Krimi-Serien ihren Tipping Point.

Wir werden uns wundern, dass schließlich doch schon im Sommer Medikamente gefunden wurden, die die Überlebensrate erhöhten. Dadurch wurden die Todesraten gesenkt, und Corona wurde zu einem Virus, mit dem wir eben umgehen müssen – ähnlich wie die Grippe und die vielen anderen Krankheiten. Medizinischer Fortschritt half. Aber wir haben auch erfahren: Nicht so sehr die Technik, sondern die Veränderung sozialer Verhaltensformen war das Entscheidende. Dass Menschen trotz radikaler Einschränkungen solidarisch und konstruktiv bleiben konnten, gab den Ausschlag. Die human-soziale Intelligenz hat geholfen. Die vielgepriesene Künstliche Intelligenz, die ja bekanntlich alles lösen kann, hat dagegen in Sachen Corona nur begrenzt gewirkt.

Damit hat sich das Verhältnis zwischen Technologie und Kultur verschoben. Vor der Krise schien Technologie das Allheilmittel, Träger aller Utopien. Kein Mensch – oder nur noch wenige Hartgesottene – glauben heute noch an die große digitale Erlösung. Der große Technik-Hype ist vorbei. Wir richten unsere Aufmerksamkeiten wieder mehr auf die humanen Fragen: Was ist der Mensch? Was sind wir füreinander?

Wir staunen rückwärts, wie viel Humor und Mitmenschlichkeit in den Tagen des Virus tatsächlich entstanden ist.

Wir werden uns wundern, wie weit die Ökonomie schrumpfen konnte, ohne dass so etwas wie „Zusammenbruch“ tatsächlich passierte, der vorher bei jeder noch so kleinen Steuererhöhung und jedem staatlichen Eingriff beschworen wurde. Obwohl es einen „schwarzen April“ gab, einen tiefen Konjunktureinbruch und einen Börseneinbruch von 50 Prozent, obwohl viele Unternehmen pleitegingen, schrumpften oder in etwas völlig anderes mutierten, kam es nie zum Nullpunkt. Als wäre Wirtschaft ein atmendes Wesen, das auch dösen oder schlafen und sogar träumen kann.

Heute, im Herbst, gibt es wieder eine Weltwirtschaft. Aber die globale Just-in-Time-Produktion, mit riesigen verzweigten Wertschöpfungsketten, bei denen Millionen Einzelteile über den Planeten gekarrt werden, hat sich überlebt. Sie wird gerade demontiert und neu konfiguriert. Überall in den Produktionen und Service-Einrichtungen wachsen wieder Zwischenlager, Depots, Reserven. Ortsnahe Produktionen boomen, Netzwerke werden lokalisiert, das Handwerk erlebt eine Renaissance. Das Global-System driftet in Richtung GloKALisierung: Lokalisierung des Globalen.

Wir werden uns wundern, dass sogar die Vermögensverluste durch den Börseneinbruch nicht so schmerzen, wie es sich am Anfang anfühlte. In der neuen Welt spielt Vermögen plötzlich nicht mehr die entscheidende Rolle. Wichtiger sind gute Nachbarn und ein blühender Gemüsegarten.

Könnte es sein, dass das Virus unser Leben in eine Richtung geändert hat, in die es sich sowieso verändern wollte?

Re-Gnose: Gegenwartsbewältigung durch Zukunfts-Sprung

Warum wirkt diese Art der „Von-vorne-Szenarios“ so irritierend anders als eine klassische Prognose? Das hängt mit den spezifischen Eigenschaften unseres Zukunfts-Sinns zusammen. Wenn wir „in die Zukunft“ schauen, sehen wir ja meistens nur die Gefahren und Probleme „auf uns zukommen“, die sich zu unüberwindbaren Barrieren türmen. Wie eine Lokomotive aus dem Tunnel, die uns überfährt. Diese Angst-Barriere trennt uns von der Zukunft. Deshalb sind Horror-Zukünfte immer am einfachsten darzustellen.

Re-Gnosen bilden hingegen eine Erkenntnis-Schleife, in der wir uns selbst, unseren inneren Wandel, in die Zukunftsrechnung einbeziehen. Wir setzen uns innerlich mit der Zukunft in Verbindung und dadurch entsteht eine Brücke zwischen Heute und Morgen. Es entsteht ein „Future Mind“ – Zukunfts-Bewusstheit.

Wenn man das richtig macht, entsteht so etwas wie Zukunfts-Intelligenz. Wir sind in der Lage, nicht nur die äußeren „Events“, sondern auch die inneren Adaptionen, mit denen wir auf eine veränderte Welt reagieren, zu antizipieren.

Das fühlt sich schon ganz anders an als eine Prognose, die in ihrem apodiktischen Charakter immer etwas Totes, Steriles hat. Wir verlassen die Angststarre und geraten wieder in die Lebendigkeit, die zu jeder wahren Zukunft gehört.

Wir alle kennen das Gefühl der geglückten Angstüberwindung. Wenn wir für eine Behandlung zum Zahnarzt gehen, sind wir schon lange vorher besorgt. Wir verlieren auf dem Zahnarztstuhl die Kontrolle und das schmerzt, bevor es überhaupt wehtut. In der Antizipation dieses Gefühls steigern wir uns in Ängste hinein, die uns völlig überwältigen können. Wenn wir dann allerdings die Prozedur überstanden haben, kommt es zum Coping-Gefühl: Die Welt wirkt wieder jung und frisch und wir sind plötzlich voller Tatendrang.

Coping heißt: bewältigen. Neurobiologisch wird dabei das Angst-Adrenalin durch Dopamin ersetzt, eine Art körpereigener Zukunfts-Droge. Während uns Adrenalin zu Flucht oder Kampf anleitet (was auf dem Zahnarztstuhl nicht so richtig produktiv ist, ebenso wenig wie beim Kampf gegen Corona), öffnet Dopamin unsere Hirnsynapsen: Wir sind gespannt auf das Kommende, neugierig, vorausschauend. Wenn wir einen gesunden Dopamin-Spiegel haben, schmieden wir Pläne, haben wir Visionen, die uns in die vorausschauende Handlung bringen.

Erstaunlicherweise machen viele in der Coronakrise genau diese Erfahrung. Aus einem massiven Kontrollverlust wird plötzlich ein regelrechter Rausch des Positiven. Nach einer Zeit der Fassungslosigkeit und Angst entsteht eine innere Kraft. Die Welt „endet“, aber in der Erfahrung, dass wir immer noch da sind, entsteht eine Art Neu-Sein im Inneren.

Mitten im Shut-Down der Zivilisation laufen wir durch Wälder oder Parks oder über fast leere Plätze. Aber das ist keine Apokalypse, sondern ein Neuanfang.

So erweist sich: Wandel beginnt als verändertes Muster von Erwartungen, von Wahr-Nehmungen und Welt-Verbindungen. Dabei ist es manchmal gerade der Bruch mit den Routinen, dem Gewohnten, der unseren Zukunfts-Sinn wieder freisetzt. Die Vorstellung und Gewissheit, dass alles ganz anders sein könnte – auch im Besseren.

Vielleicht werden wir uns sogar wundern, dass Trump im November abgewählt wird. Die AFD zeigt ernsthafte Zerfransungs-Erscheinungen, weil eine bösartige, spaltende Politik nicht zu einer Corona-Welt passt. In der Coronakrise wurde deutlich, dass diejenigen, die Menschen gegeneinander aufhetzen wollen, zu echten Zukunftsfragen nichts beizutragen haben. Wenn es ernst wird, wird das Destruktive deutlich, das im Populismus wohnt.

Die Politik in ihrem Ur-Sinne als Formung gesellschaftlicher Verantwortlichkeiten bekam dieser Krise eine neue Glaubwürdigkeit, eine neue Legitimität. Gerade weil sie „autoritär“ handeln musste, schuf Politik Vertrauen ins Gesellschaftliche. Auch die Wissenschaft hat in der Bewährungskrise eine erstaunliche Renaissance erlebt. Virologen und Epidemiologen wurden zu Medienstars, aber auch „futuristische«“ Philosophen, Soziologen, Psychologen, Anthropologen, die vorher eher am Rande der polarisierten Debatten standen, bekamen wieder Stimme und Gewicht.

Fake News hingegen verloren rapide an Marktwert. Auch Verschwörungstheorien wirkten plötzlich wie Ladenhüter, obwohl sie wie saures Bier angeboten wurden.

Ein Virus als Evolutionsbeschleuniger

Tiefe Krisen weisen obendrein auf ein weiteres Grundprinzip des Wandels hin: die Trend-Gegentrend-Synthese.

Die neue Welt nach Corona – oder besser mit Corona – entsteht aus der Disruption des Megatrends Konnektivität; politisch-ökonomisch wird dieses Phänomen auch „Globalisierung“ genannt. Die Unterbrechung der Konnektivität – durch Grenzschließungen, Separationen, Abschottungen, Quarantänen – führt aber nicht zu einem Abschaffen der Verbindungen, sondern zu einer Neuorganisation der Konnektome, die unsere Welt zusammenhalten und in die Zukunft tragen. Es kommt zu einem Phasensprung der sozio-ökonomischen Systeme.

Die kommende Welt wird Distanz wieder schätzen – und gerade dadurch Verbundenheit qualitativer gestalten. Autonomie und Abhängigkeit, Öffnung und Schließung, werden neu ausbalanciert. Dadurch kann die Welt komplexer, zugleich aber auch stabiler werden. Diese Umformung ist weitgehend ein blinder evolutionärer Prozess – weil das eine scheitert, setzt sich das Neue, überlebensfähig, durch. Das macht einen zunächst schwindelig, aber dann erweist es seinen inneren Sinn: Zukunftsfähig ist das, was die Paradoxien auf einer neuen Ebene verbindet.

Dieser Prozess der Komplexierung – nicht zu verwechseln mit Komplizierung – kann aber auch von Menschen bewusst gestaltet werden. Diejenigen, die das können, die die Sprache der kommenden Komplexität sprechen, werden die Führer von Morgen sein. Die werdenden Hoffnungsträger. Die kommenden Gretas.

„Wir werden durch Corona unsere gesamte Einstellung gegenüber dem Leben anpassen – im Sinne unserer Existenz als Lebewesen inmitten anderer Lebensformen.“ (der Philosoph und Kulturkritiker Slavoj Zizek zur Zeit des Höhepunkt der Coronakrise, ca. Mitte März)

Jede Tiefenkrise hinterlässt eine Story, ein Narrativ, das weit in die Zukunft weist. Eine der stärksten Visionen, die das Coronavirus hinterlässt, sind die musizierenden Italiener auf den Balkonen. Die zweite Vision senden uns die Satellitenbilder, die plötzlich die Industriegebiete Chinas und Italiens frei von Smog zeigen. Im Jahr 2020 wird der CO&sub2;-Ausstoß der Menschheit zum ersten Mal deutlich fallen. Diese Tatsache wird etwas mit uns machen.

Wenn das Virus so etwas kann – können wir das womöglich auch? Vielleicht war das Virus nur ein Sendbote aus der Zukunft. Seine drastische Botschaft lautet: Die menschliche Zivilisation ist zu dicht, zu schnell, zu überhitzt geworden. Sie rast zu sehr in eine bestimmte Richtung, in der es keine Zukunft gibt.

Aber sie kann sich neu erfinden.

System reset.

Cool down!

Musik auf den Balkonen!

So geht Zukunft.

Quelle: www.horx.com, www.zukunftsinstitut.de

Matthias Horx ist Trend- und Zukunftsforscher und Publizist

86 Prozent Wirtschaftswachstum: Oh, wie schön ist Guyana!

Published on 5. Dezember 2019

Guyana? Das hat doch mit dem Klimawandel zu tun? Stimmt: Nach Ansicht von Klimaexperten der Weltbank gehört Guyana zu den Staaten im südamerikanisch-karibischen Raum, die von einem Anstieg des Meeresspiegels im Zuge des Klimawandels besonders stark betroffen sein werden. Ein Meeresspiegelanstieg von einem Meter würde in Guyana ein Gebiet überschwemmen, in dem 70% der Bevölkerung leben und 40% der landwirtschaftlichen Nutzfläche des Landes liegen.

Wo liegt dieses Land überhaupt? Zwischen 1° und 8,5° nördlicher Breite und zwischen 57° und 61° westlicher Länge. Der tiefste Punkt befindet sich an der Atlantikküste, der höchste Punkt ist der Berg Roraima-Tepui mit 2.810 m. An der Grenze zu Venezuela und Brasilien erhebt sich das Bergland von Guayana, nach dem der Staat benannt wurde.

Guyana liegt im Nordwesten Südamerikas zwischen Venezuela, Brasilien und Suriname.

Bewegte Vergangenheit – glorreiche Zukunft?

Die ersten Europäer siedelten sich vor rund vier Jahrhunderten an; in der Vergangenheit wechselte Guyana zwischen niederländischer, französischer und britischer Herrschaft hin und her. Am 26. Mai 1966 wurde Guyana unabhängig. Und jetzt kommt’s: „Guyana wird das reichste Land der Hemisphäre und möglicherweise das reichste Land der Welt.“ Mit dieser doch gewagt anmutenden Aussage prophezeit der US-Botschafter des derzeit noch zweitärmsten Landes von Südamerika, Perry Holloway, eine goldene Zukunft. Denn nach doch eher beschaulichen 4,4% Wachstum heuer könnte Guyana im nächsten Jahr die traditionellen Musterschüler in Sachen Wachstum, wie China und Indien, mit einem prognostizierten Plus von 86% weit in den Schatten stellen. „Wir setzen von sehr niedrigem Niveau zu einem Stratosphärensprung an“, zitiert die Wirtschaftsplattform Bloomberg dazu Guyanas Finanzminister Winston Jordan.

Eine Schlüsselrolle beim prognostizierten Wirtschaftswachstum spielt der US-Ölkonzern ExxonMobil, der laut Bloomberg baldigst die ersten Ölpumpen anwerfen will (oder dies zum Zeitpunkt, wenn Sie diesen TOP LEADER-Newsletter lesen, bereits getan hat.) Bis 2025 soll die tägliche Förderung dann auf 750.000 Barrel und damit knapp 120 Mio. Liter Rohöl ansteigen. Parallel zur Ölförderung erwartet der IWF dann auch einen Anstieg des Bruttoinlandprodukts (BIP): Bis 2024 soll sich Guyanas Wirtschaftsleistung von derzeit 3,6 auf knapp 13,5 Mrd. € fast vervierfachen (!). Der Ölsektor könnte laut IWF zudem in nur fünf Jahren 40% der Wirtschaft Guyanas ausmachen.

Die Ölvorkommen wurden vor der Küste entdeckt.

ExxonMobil sucht bereits seit 2008 und damit ein Jahr nach der Verstaatlichung des Ölsektors im benachbarten Venezuela vor Guyana nach Öl. Medienberichten zufolge hat der US-Konzern mittlerweile 13 Ölfelder mit einem Volumen von insgesamt 5,5 Mrd. Barrel Öl ausfindig gemacht. Die Exploration konzentriert sich dabei auf ein als „Stabroek Block“ bezeichnetes, rund 26.800 km2 großes Gebiet, in dem das bereits 2015 entdeckte Ölfeld „Liza“ nun auch als erstes angezapft wird. „Mit an Bord“ ist laut Bloomberg der chinesische Ölkonzern China National Offshore Oil Corporation (CNOOC). Und auch andere Unternehmen wie der französische Total-Konzern, der in London sitzende multinationale Tullow-Konzern und Spaniens Repsol sind in den Gewässern Guyanas auf der Suche nach Öl.

Norwegen als großes Vorbild

Bereits jetzt ist von den weltweit bedeutendsten Funden seit der Jahrtausendwende die Rede. Geht es nach der US-Behörde United States Geological Survey (USGS), dann ist Stabroek die weltweit zweitgrößte, noch unerschlossene Ölquelle. Experten gehen davon aus, dass vor Guyana noch weit mehr Öl entdeckt werden könnte – zehn Mrd. Barrel seien „realistisch“, heißt es dazu im Industrieportal VDMA mit Verweis auf eine Studie des Beratungsunternehmens Wood Mackenzie. Guyana könne im nächsten Jahrzehnt „mit Leichtigkeit viertgrößter Ölproduzent in Lateinamerika“ werden „und womöglich sogar an Venezuela und Mexiko vorbeiziehen, um den zweiten Platz (hinter Brasilien) zu belegen“.

Guyanas Zentralbank in der Hauptstadt Georgetown.

Während der IWF davor warnt, dass bereits kleinste Änderungen der bisher prognostizierten Ölproduktion zu großen Schwankungen in der gesamtwirtschaftlichen Leistung führen könnten, hegt die Regierung Guyanas offenbar große Pläne. Finanzminister Jordan kündigte bereits an, mit einem Teil der aus den Lizenzgebühren erwarteten Gelder Autobahnen zu bauen, um die Küstenstädte mit dem dünn besiedelten Landesinneren zu verbinden.

Die Einnahmen aus dem Ölgeschäft sollen zunächst aber in einen Staatsfonds fließen – ganz nach dem Vorbild Norwegen soll auch in Guyana damit für kommende Generationen vorgesorgt werden. Allein der Blick auf das Nachbarland Venezuela macht jedenfalls mehr als deutlich, dass Ölreichtum auch mit großen Herausforderungen einhergeht. Während die von hoher Arbeits- und Perspektivlosigkeit geplagte Bevölkerung auf einen Ölboom hofft, der auch ihr zugutekommt, wird somit auch vor einem „Ölfluch“ gewarnt, welcher Länder mit großen Ressourcenvorkommen heimsucht. „Wir haben die Erfahrungen in anderen Ländern miterlebt“, zitiert dazu Latina-Press Vincent Adams von der Umweltschutzbehörde Guyanas: „Sie hatten all diesen Ölreichtum, und vielen dieser Länder geht es jetzt schlechter als vor dem Öl.“

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