Schlagwort: USA

Ganz starke Themen: Mercosur, China und Indien

Published on 31. Oktober 2020

Mercosur

Für viele Mitglieder der Europäischen Wirtschaftskammer EUROCHAMBRES ist ein Ausbau der wirtschaftlichen Beziehungen mit Lateinamerika von sehr großem Interesse. Sachlichkeit sollte daher in die oftmals emotionale Diskussion eingebracht werden. Schon bisher sind im geplanten Abkommen europäische Lebensmittelstandards ebenso vorgesehen wie eine Verpflichtung für die Klimaziele von Paris. Wer daher das Klima schützen will, wer den Amazonas retten will, kann dies im Rahmen eines Abkommens mit der Europäischen Union viel besser verwirklichen als ohne ein solches Abkommen. Wir dürfen nicht müde werden, immer wieder darauf hinzuweisen.

Die Wirtschaftsdaten zwischen Mercosur und Europäischer Union (in Euro):
Exporte nach Lateinamerika 41 Milliarden, Importe 36 Milliarden;
Services Exporte 21 Milliarden, Importe 10 Milliarden;
Investitionen von Europa in Lateinamerika 365 Milliarden,
von Lateinamerika in Europa 52 Milliarden.

Das zeigt, dass wir in diesen Ländern (Argentinien, Brasilien, Paraguay, Uruguay) eine starke wirtschaftliche Stellung haben, als Partner willkommen sind und Chancen haben, die Partnerschaft mit dem Mercosur-Abkommen noch auszubauen.

Wirtschaftsabkommen mit China

Die EU arbeitet intensiv an einem Wirtschaftsabkommen mit China. Dies ist für viele EUROCHAMBRES-Mitglieder sowohl im Export als auch im Zuliefer- und Servicebereich von besonderer Bedeutung. Investitionen und geistiges Eigentum sollen dabei geschützt werden. Europa liefert jährlich 200 Milliarden an Waren nach China, ein Volumen von 360 Milliarden wird nach Europa importiert.

Mit 16 Prozent ist China weltweit im Export führend, vor EU-27 mit 15 Prozent, den USA mit zehn, Japan mit fünf und Südkorea mit vier Prozent. Die Investitionen chinesischer Unternehmen in Europa sind rückläufig und verlagern sich schwerpunktmäßig von Deutschland und Frankreich in Richtung Nordeuropa.

China tritt jedoch als überaus starker Vergeber von Loans auf: In 150 Ländern der Welt hat China 1,5 Trillionen Dollar investiert. Dass mit diesen Investitionen auch Einflussnahmen einhergehen, haben wir bei politischen Entscheidungen innerhalb der EU bereits gesehen.

Businessplattform mit Indien

Vor 13 Jahren begannen Verhandlungen zwischen der EU und Indien betreffend Freihandelsabkommen. Vor sechs Jahren wurden diese Verhandlungen unterbrochen. Die europäische Wirtschaft fordert, diese jetzt wiederaufzunehmen. Zu diesem Zweck soll zuerst einmal eine Plattform gegründet werden, an der die European Business and Technology Centre (ebtc), die indische Gesellschaft INVEST INDIA und die Europäische Wirtschaftskammer teilnehmen.

Ziel sollte sein, die enormen Möglichkeiten des bilateralen Handels, der Dienstleistungen und der Investitionsmöglichkeiten auf einer fairen Grundlage zu sichern, Bürokratie und nicht-tarifäre Handelshemmnisse zu vermeiden sowie Zölle abzubauen.

Indien soll nach PricewaterhouseCoopers im Jahr 2050 nach China das wirtschaftlich stärkste Land der Welt sein. Grund genug, an einer Verstärkung der wirtschaftlichen Beziehungen zu arbeiten, Investitionen durch ein Investitionsschutzabkommen zu sichern und schließlich auch auf dem Sektor Innovationen durch gemeinsame Forschungs- und Entwicklungsprojekte zu arbeiten.

Indien ist einwohnermäßig das größte Land der Erde, das größte demokratische Land, es sprechen dort mehr Menschen Englisch als in den USA, es hat über seine Commonwealth-Geschichte Zugang zu globalen Netzwerken und vor allem begabte, talentierte und erfolgshungrige junge Menschen. All das sind beste Voraussetzungen, auch Indien ins Auge zu fassen, wenn man von Asien spricht!

Das sündige Drittel

Published on 3. Oktober 2020

Während die Natur rund um den Globus in beispielloser Geschwindigkeit verlorengeht, beweist die Menschheit an anderer Stelle extreme Ineffizienz: Ein Drittel aller produzierten Nahrungsmittel wird gar nicht gegessen. Das ist eine enorme Verschwendung natürlicher Ressourcen, die einem jährlichen Verlust in Höhe von 850 Milliarden Euro für die Wirtschaft und insgesamt acht Prozent der gesamten Treibhausgasemissionen entspricht. Auf dem Weg vom Erzeuger zum Verbraucher gehen genießbare, nährstoffreiche Lebensmittel verloren – oder wir entscheiden uns sogar, sie wegzuwerfen.

Details enthüllen der WWF und die Nachhaltigkeits-NGO WRAP in einem aktuellen Bericht. Es werden an buchstäblich JEDEM Punkt entlang der Lieferkette erhebliche Mengen an Lebensmitteln verschwendet. In Entwicklungsregionen sind Verluste bei der Produktion höher, während in entwickelten Regionen die Verschwendung beim Verbraucher überwiegt. Das weltweite Nahrungsmittelsystem verursacht rund 25 Prozent aller Treibhausgasemissionen, verbraucht 70 Prozent der Süßwasserressourcen und zerstört Lebensräume, sodass tausende Arten in aller Welt vom Aussterben bedroht sind. Die Klimakrise wiederum ruft Extremwetter hervor, das die Lebensmittelproduktion kurz- und langfristig erschwert. Für die Erzeugung der Lebensmittel, die Jahr für Jahr in der Tonne landen, wird eine Fläche so groß wie China benötigt. Wären die Lebensmittelabfälle ein Land, lägen sie bei den Treibhausgasemissionen auf dem dritten Platz hinter China und den USA.

Allein in der EU gehen jedes Jahr rund 88 Millionen Tonnen Nahrungsmittel verloren bzw. werden verschwendet – das entspricht 20 Prozent der insgesamt produzierten Nahrungsmittel oder 173 Kilogramm pro Person. Fast die Hälfte der Verschwendung entsteht in Haushalten, weil zu große Mengen gekauft werden oder die Lagerung nicht passt. Auch in der Produktion gehen Lebensmittel verloren: Weil sie gar nicht erst geerntet werden, weil genießbare Produkte wegen ihrer Optik vernichtet werden oder weil sie während Transport oder Lagerung verderben.

Besonders oft im Müll landen noch genussfähiges Brot und Gebäck (28 Prozent) sowie Obst und Gemüse (27 Prozent).

Ein Blick auf Österreich

Bei uns landet jährlich rund eine Million Tonnen Lebensmittel im Müll, die Hälfte davon fällt in Haushalten an. Jeder Haushalt wirft pro Jahr durchschnittlich 133 kg an genussfähigen Lebensmitteln weg, was einem Wert zwischen 250 und 800 Euro entspricht.

Besonders oft im Müll landen noch genussfähiges Brot und Gebäck (28 Prozent) sowie Obst und Gemüse (27 Prozent). Dahinter folgen Milchprodukte und Eier (zwölf Prozent) sowie Fleisch und Fisch (elf Prozent).

Das muss sich ändern!

Generell wird der Kampf gegen die Lebensmittelverschwendung als Chance zur Erfüllung der Verpflichtungen aus dem Pariser Klimaabkommen weltweit vernachlässigt. Zwar haben sich Regierungen, die die Hälfte der Weltbevölkerung repräsentieren, ausdrücklich ein nationales Ziel gesetzt, das dem Ziel der Vereinten Nationen zur Halbierung der Lebensmittelabfälle bis 2030 entspricht. Dennoch messen nur die Regierungen von zwölf Prozent der Weltbevölkerung, wie viele Lebensmittel verschwendet werden. Darüber hinaus setzen nur Länder mit 15 % der Weltbevölkerung weitreichende Maßnahmen zum Abbau der Lebensmittelverschwendung um.

Immerhin setzen sich zwei Drittel der 50 größten Lebensmittelunternehmen Ziele, fast die Hälfte misst ihre Lebensmittelabfälle, und ein Drittel führt Maßnahmen durch, um die Abfälle im eigenen Betrieb zu reduzieren. Aber natürlich müssen sich auch die Unternehmen viel mehr darum bemühen, ihre Lieferanten einzubeziehen und die Daten zu ihren Lebensmittelabfällen in stärkerem Maße veröffentlichen. Außerdem müssen mehr Unternehmen der Verringerung von Lebensmittelabfällen Priorität einräumen.

Wir sollten dazu beitragen, die Ernährungssicherheit zu stärken, den Wasserverbrauch zu senken, Geld zu sparen und die Belastung wertvoller Lebensräume zu mindern.

Was für eine große Chance!

Es gilt, den Abbau der Lebensmittelverschwendung als entscheidende Möglichkeit zur Senkung der Treibhausgasemissionen zu nutzen und mit dem Nahrungsmittelsystem den Weg in eine nachhaltigere Zukunft einzuschlagen. So würden wir auch dazu beitragen, die Ernährungssicherheit zu stärken, den Wasserverbrauch zu senken, Geld zu sparen und die Belastung wertvoller Lebensräume zu mindern.

In Europa und auf der ganzen Welt können Regierungen, die bei diesem Vorhaben vorangehen, für die Bürger ihres Landes und auch für die Wirtschaft Vorteile bewirken. Und vor allem können wir alle schon heute einen Beitrag leisten – einfach, indem wir das kaufen, was wir brauchen, und das essen, was wir kaufen!

COVID-19: Sechs Impfstoff-Entwicklungen machen Hoffnung

Published on 20. September 2020

Die Aufregung war groß. Als der russische Präsident Wladimir Putin Mitte August in einem virtuellen Regierungstreffen berichtet, dass in seinem Land weltweit der erste Impfstoff gegen den Corona-Virus registriert wurde gehen die Wellen hoch. Vor allem im Westen echauffiert man sich über die “verantwortungslose Vorgangsweise” in Moskau. Was folgt ist ein propagandistischer Schlagabtausch, der fast an die Zeit des Kalten Krieges erinnert. In Wahrheit war das Ganze wohl eher ein Sturm im Wasserglas. Wie die Rechercheplattform correctiv.org recherchiert hat, handelte es sich schlichtweg um einen Übersetzungsfehler. Putin sprach von einer Registrierung und nicht von einer Zulassung, wie in zahlreichen Medien berichtet wurde (Details zu den Quellen im Bericht des Börse Express – Link zum entsprechenden PDF am Ende des Artikels.)

Run auf Impfstoffe

Tatsächlich soll der russische Impfstoff, der in Anlehnung an den Sputnik-Schock auch als “Sputnik V” bezeichnet wird und derzeit klinische Prüfungsphasen durchläuft, auch schon in größeren Dosen produziert werden. Ab Jänner 2021 soll er dann zur Verfügung stehen. Erste Länder sollen sich, noch vor dem Feststehen der endgültigen Testresultate, bereits Impfdosen gesichert haben. Das ist allerdings nichts Ungewöhnliches, denn der Run auf die – noch gar nicht verfügbaren – Impfstoffe hat längst eingesetzt. Verschiedene – auch europäische Länder schließen bereits Vorverträge über die Lieferungen von Impfstoffkontingenten ab, noch bevor die Impfstoffe offiziell zugelassen sind. In einer Stellungnahme der EU-Kommission heißt es dazu etwa: „Die EU-Kommission hat heute (Mittwoch) die Vorgespräche mit BioNTech-Pfizer über den Kauf eines möglichen Impfstoffs gegen COVID-19 abgeschlossen. BioNTech-Pfizer ist das sechste Unternehmen, mit dem die Kommission Gespräche zum Abschluss geführt hat. Zuvor war dies bereits mit Sanofi-GSK am 31. Juli, mit Johnson & Johnson am 13. August sowie mit CureVac am 18. August und Moderna am 24. August der Fall. Ein erster Vertrag, der mit AstraZeneca geschlossen wurde, ist am 27. August in Kraft getreten.“

Das börsennotierte deutsche Biotech-Unternehmen BioNTech, das gemeinsam mit dem US-Pharmakonzern Pfizer an einem Impfstoff forscht, meldete zudem bereits am 20. Juli, dass es mit Großbritannien einen Vorvertrag über die Lieferung von 30 Millionen Impfstoffdosen eines möglichen Impfstoffes gegen SARS-CoV-2 abgeschlossen habe (siehe Link im PDF).

211 Impfstoffkandidaten

Zwei Tage später folgte die Ankündigung, dass auch die US-Regierung einen Vertrag über die Lieferung von 100 Millionen Impfdosen unterzeichnet hat. 1,95 Milliarden US-Dollar will die Trump-Administration dafür springen lassen. Außerdem sicherte sich die amerikanische Regierung durch den Vertrag weitere 500 Millionen Impfdosen (siehe dazu Linksammlung im PDF – Downloadmöglichkeit unten). In der gleichen Aussendung kündigten Pfizer und BioNTech an, dass man auf gutem Weg sei die klinischen Testphasen 2b/3 noch im Juli 2020 zu starten, um im Oktober eine behördliche Überprüfung beantragen zu können. Man rechne damit bis Ende 2020 an die 100 Millionen Impfstoffdosen produzieren zu können, bis Ende 2021 sollen dann mehr als 1,3 Milliarden Impfstoffdosen produziert werden. Knapp einen Monat später veröffentlichte Pfizer erste positive Ergebnisse der Phase 1 Studie. Derzeit wird der Impfstoff in der dritten klinischen Phase an tausenden Freiwilligen getestet. Detail am Rande: Am 17. September wurde außerdem bekannt, das BioNTech von Novartis eine Produktionsanlage für COVID-19-Impfstoffe erworben hat. Das deutsche Unternehmen dürfte sich seiner Sache also ziemlich sicher sein.

Der von BioNTech und Pfizer entwickelte Impfstoff ist aber bei weitem nicht das einzige Produkt, welches dem Corona-Virus zu Leibe rücken soll. Das amerikanische Milken Institute zählt aktuell 211 Impfstoffkandidaten, von denen sechs bereits in der dritten, der letzten vor einer behördlichen Zulassung, klinischen Phase getestet werden. Es könnte also durchaus sein, dass bereits im kommenden Winter ein Impfstoff verfügbar ist. Ein mehr als bemerkenswerter Umstand, denn normalerweise dauert die Entwicklung bis zur Marktreife an die zehn Jahre.

Doch nicht nur bei der Impfstoffentwicklung hat ein, in der Medizingeschichte beispielloses Rennen eingesetzt. Auch was die Behandlung der COVID-19 Erkrankung betrifft wird rund um den Globus geforscht und getestet. Das Milken Institute verzeichnet am 10.09. insgesamt 315 Therapien, deren Testung mehr oder weniger weit fortgeschritten ist. Bei zahlreichen Therapeutika, die jetzt auf ihre Wirksamkeit getestet werden, handelt es sich um Wirkstoffe bzw. Medikamente, die schon gegen andere Erkrankungen eingesetzt wurden und werden.

COVID-Forschung in Österreich

Geforscht wird auch in Österreich. Allein in Wien laufen laut einer interaktiven Karte der PHARMIG (Verband der pharmazeutischen Industrie Österreichs) zwölf Unternehmensprojekte, eines läuft in Graz. Ein Beispiel ist das biopharmazeutische Unternehmen Marinomed, dessen CEO Andreas Grassauer kürzlich erklärte: „Wir konnten nun mit ersten Tests zeigen, dass Carragelose® auch gegen SARS-CoV-2 ein wirksamer Virus-Blocker ist. Diese Ergebnisse werden inzwischen von unabhängigen Studien in den USA und Argentinien bestätigt.“

Das Wiener Biotech-Unternehmen APEIRON Biologics wiederum sicherte sich im Juni dieses Jahres 17,5 Millionen Euro, die unter anderem in die weitere Entwicklung ihres Medikamentenkandidaten APN01 zur Behandlung schwer erkrankter COVID-19-Patienten fließen sollen. APN01 gehört laut APEIRON zu den am weitesten entwickelten Medikamentenkandidaten zur Behandlung von COVID-19 und zu den wenigen spezifisch gegen das Corona Virus gerichteten Therapieansätzen. In einer Aussendung vom Juni heißt es: „Bei positivem Verlauf der laufenden Phase II-Studie könnte nach Ansicht von Experten voraussichtlich eine beschleunigte Marktzulassung erfolgen.“

Das französische Biotech-Unternehmen Valneva, welches 2013 aus einer Fusion der österreichischen Intercell mit der französischen Vivalis, hervorging und einen Sitz in Wien hat, forscht ebenfalls an einem Impfstoff.

Digitale Lösungen

Im Kampf gegen das Virus tun sich aber nicht nur Biotech- und Pharmaunternehmen hervor. Auch digitale Mittel sollen dazu beitragen die Pandemie einzudämmen. Wie diese digitalen Lösungen dazu beitragen können dem Virus Herr zu werden hat schon früh das in Graz beheimatete Bioinformatik-Unternehmen Innophore aufgezeigt. Ende Jänner, als das Virus vor allem in China auftrat, sorgte Innophore für internationale Schlagzeilen. Zu diesem Zeitpunkt hielt sich die Beunruhigung hierzulande noch in Grenzen, bis Mitte März der Lockdown verfügt wurde.

Innophore ist ein 2017 gegründeten Unternehmen, das eine Art Suchmaschine für Enzyme entwickelt hat, die mittels eigener Algorithmen Wirkstoffe rasch identifizieren soll. Im Zusammenhang mit COVID-19 wurde aus einem Testdurchlauf schnell eine Zusammenarbeit mit einem pharmazeutischen Unternehmen in Peking und dem „Chinese Center for Disease Control and Prevention“. Auf der ersten Liste der vielversprechendsten Stoffe, die gegen COVID-19 helfen könnten fand sich der Wirkstoff Lopinavir, der in der Behandlung von HIV reüssieren könnte.

FASTCURE. Aus diesen ersten Anfängen entstand das Projekt FASTCURE, das weltweit größte computerbasierte Screening-Projekt. In einem internationalen Konsortium haben sich Innophore, das acib (Austrian Centre of Industrial Biotechnology), die Universität Graz, die Universität Innsbruck und internationale Partner wie die Harvard Universität, Google und die ShanghaiTech University zusammengeschlossen. Mehr als zwei Milliarden Wirkstoffe sollen im Rahmen des Projektes auf ihre Einsatzmöglichkeit gegen COVID-19 getestet werden.

Der Kampf gegen den Virus ist noch nicht vorüber. Die Pandemie hat dafür gesorgt, dass weltweit enorme Geldmittel in den Life Science Sektor fließen, von denen auch österreichische Life Science Unternehmen profitieren.

Dieser Artikel wurde ursprünglich in der digitalen Ausgabe des Börse Express publiziert. Er bildet den Auftakt zu einer neuen Serie über die Life Science Industrie weltweit und in Österreich. Die digitale Ausgabe des Börse Express mit zusätzlichen Tabellen, Grafiken und weiterführenden Links können Sie hier downloaden: https://bit.ly/bex_life_science_1

Autor/in: Mag. Harald Fercher

Europa in der Welt

Published on 11. August 2020

Gebannt starrt die Welt auf die Auswirkungen der Pandemie. Zurzeit sind deren Folgen in wirtschaftlicher, sozialer und psychologischer Hinsicht kaum abschätzbar. Die vorhandene Unsicherheit über die weitere Entwicklung dieser Pandemie lähmt zunehmend wichtige Bereiche von Wirtschaft und Gesellschaft.

Europa hat zuletzt ein dringend notwendiges Lebenszeichen gegeben. Die Einigung der Staats- und Regierungschefs auf ein Recovery-Programm und den Finanzhaushalt der kommenden Jahre ist eine beachtliche Leistung. Nicht, dass damit alles in Ordnung wäre, aber die Tatsache der Einigung und damit der Beendigung der Streitereien ist für sich genommen durchaus ermutigend, liegt doch Europa in der Prognose der wirtschaftlichen Auswirkungen unter allen Kontinenten mit Abstand am schlechtesten. Die chinesische Wirtschaft erwartet im heurigen Jahr ein Plus von zwei bis drei Prozent Wachstum, die europäische Wirtschaft ein Minus von neun bis zehn Prozent.

Was für ein Unterschied! Wieder hat sich gezeigt, dass das rasche Regieren autokratischer Systeme zwar von den Grundwerten, die wir vertreten, nicht wünschenswert ist, aber doch den Herausforderungen der Zeit entgegenkommt. Sollte der Auslöser der Pandemie zugleich der Gewinner derselben sein? Die Antwort auf diese Frage hängt davon ab, wie es in Europa weitergeht.

Zwei Punkte möchte ich dabei herausstreichen:

Der institutionelle Aspekt

In allen liberalen Demokratien der Welt ist es üblich, dass das Parlament als gewählte Vertretung des Volkes das letzte und entscheidende Wort hat. Das Europäische Parlament hat in Zusammenarbeit mit der europäischen Exekutive, der Kommission, Vorschläge gemacht, denen die Versammlung der Mitgliedsländer (der Europäische Rat) nur nach langen Streitereien und mit Abstrichen gefolgt ist.

Dazu kommt, dass nunmehr das Europäische Parlament Nachverhandlungen fordert und weiters alle 27 nationalen Parlamente noch zustimmen müssen. Das ist wertvolle Zeit, die verrinnt, bevor die angedachten Maßnahmen wirksam werden können. Eine solche Zeitverschwendung wird sich eine demokratische Staatsform in Zeiten rasanter Veränderungen und notwendiger rascher Antworten darauf in Zukunft immer weniger leisten können.

Der inhaltliche Aspekt

Ja, es stimmt: Die Mittel für Forschung und Entwicklung werden mehr, allerdings nicht so viel, wie es die Kommission und das Parlament für erforderlich erachten, um die wesentlichen Zukunftsaufgaben in den Bereichen Kreislaufwirtschaft, Klimawandel, Digitalisierung, Migration und Sicherheit erfüllen zu können. Hier wurden schmerzhafte Abstriche gemacht.

Noch gar nicht behandelt wurde eine zentrale Forderung der europäischen Wirtschaftskammer: Eine notwendige Stärkung des Binnenmarktes vorzunehmen, insbesondere in den Bereichen Energieversorgung, Dienstleistungen und der Schaffung eines effizienten Kapitalmarkts. Die USA haben einen funktionierenden Kapitalmarkt, die Chinesen einen funktionierenden Staatskapitalismus, Europa muss zuschauen, wie sich Wachstumsunternehmen an die eine oder andere Seite wenden müssen, um ihre Vorhaben finanzieren zu können. Sehen wir das nicht? Ist es uns egal? Wir leben in akuter Lebensgefahr, scheinen aber zu wenig Kraft zu haben, diese Dinge mit der notwendigen Energie und Entschlossenheit anzugehen.

Das zu tun ist jedoch nicht nur Aufgabe der Politik. Wir als Vertreter der Zivilgesellschaft, in der Wirtschaft, im Sozialbereich, im ökologischen Bereich, in der Kultur, müssen unsere Stimme erheben und dies massiv einfordern. Es geht um unsere Zukunft, vor allem um die Zukunft der nächsten Generationen. Das ist eine Verantwortung, welche die Top Leader in ganz Europa jetzt, gerade jetzt, wahrnehmen müssen!