Schlagwort: Prevention

COVID-19: Sechs Impfstoff-Entwicklungen machen Hoffnung

Published on 20. September 2020

Die Aufregung war groß. Als der russische Präsident Wladimir Putin Mitte August in einem virtuellen Regierungstreffen berichtet, dass in seinem Land weltweit der erste Impfstoff gegen den Corona-Virus registriert wurde gehen die Wellen hoch. Vor allem im Westen echauffiert man sich über die “verantwortungslose Vorgangsweise” in Moskau. Was folgt ist ein propagandistischer Schlagabtausch, der fast an die Zeit des Kalten Krieges erinnert. In Wahrheit war das Ganze wohl eher ein Sturm im Wasserglas. Wie die Rechercheplattform correctiv.org recherchiert hat, handelte es sich schlichtweg um einen Übersetzungsfehler. Putin sprach von einer Registrierung und nicht von einer Zulassung, wie in zahlreichen Medien berichtet wurde (Details zu den Quellen im Bericht des Börse Express – Link zum entsprechenden PDF am Ende des Artikels.)

Run auf Impfstoffe

Tatsächlich soll der russische Impfstoff, der in Anlehnung an den Sputnik-Schock auch als “Sputnik V” bezeichnet wird und derzeit klinische Prüfungsphasen durchläuft, auch schon in größeren Dosen produziert werden. Ab Jänner 2021 soll er dann zur Verfügung stehen. Erste Länder sollen sich, noch vor dem Feststehen der endgültigen Testresultate, bereits Impfdosen gesichert haben. Das ist allerdings nichts Ungewöhnliches, denn der Run auf die – noch gar nicht verfügbaren – Impfstoffe hat längst eingesetzt. Verschiedene – auch europäische Länder schließen bereits Vorverträge über die Lieferungen von Impfstoffkontingenten ab, noch bevor die Impfstoffe offiziell zugelassen sind. In einer Stellungnahme der EU-Kommission heißt es dazu etwa: „Die EU-Kommission hat heute (Mittwoch) die Vorgespräche mit BioNTech-Pfizer über den Kauf eines möglichen Impfstoffs gegen COVID-19 abgeschlossen. BioNTech-Pfizer ist das sechste Unternehmen, mit dem die Kommission Gespräche zum Abschluss geführt hat. Zuvor war dies bereits mit Sanofi-GSK am 31. Juli, mit Johnson & Johnson am 13. August sowie mit CureVac am 18. August und Moderna am 24. August der Fall. Ein erster Vertrag, der mit AstraZeneca geschlossen wurde, ist am 27. August in Kraft getreten.“

Das börsennotierte deutsche Biotech-Unternehmen BioNTech, das gemeinsam mit dem US-Pharmakonzern Pfizer an einem Impfstoff forscht, meldete zudem bereits am 20. Juli, dass es mit Großbritannien einen Vorvertrag über die Lieferung von 30 Millionen Impfstoffdosen eines möglichen Impfstoffes gegen SARS-CoV-2 abgeschlossen habe (siehe Link im PDF).

211 Impfstoffkandidaten

Zwei Tage später folgte die Ankündigung, dass auch die US-Regierung einen Vertrag über die Lieferung von 100 Millionen Impfdosen unterzeichnet hat. 1,95 Milliarden US-Dollar will die Trump-Administration dafür springen lassen. Außerdem sicherte sich die amerikanische Regierung durch den Vertrag weitere 500 Millionen Impfdosen (siehe dazu Linksammlung im PDF – Downloadmöglichkeit unten). In der gleichen Aussendung kündigten Pfizer und BioNTech an, dass man auf gutem Weg sei die klinischen Testphasen 2b/3 noch im Juli 2020 zu starten, um im Oktober eine behördliche Überprüfung beantragen zu können. Man rechne damit bis Ende 2020 an die 100 Millionen Impfstoffdosen produzieren zu können, bis Ende 2021 sollen dann mehr als 1,3 Milliarden Impfstoffdosen produziert werden. Knapp einen Monat später veröffentlichte Pfizer erste positive Ergebnisse der Phase 1 Studie. Derzeit wird der Impfstoff in der dritten klinischen Phase an tausenden Freiwilligen getestet. Detail am Rande: Am 17. September wurde außerdem bekannt, das BioNTech von Novartis eine Produktionsanlage für COVID-19-Impfstoffe erworben hat. Das deutsche Unternehmen dürfte sich seiner Sache also ziemlich sicher sein.

Der von BioNTech und Pfizer entwickelte Impfstoff ist aber bei weitem nicht das einzige Produkt, welches dem Corona-Virus zu Leibe rücken soll. Das amerikanische Milken Institute zählt aktuell 211 Impfstoffkandidaten, von denen sechs bereits in der dritten, der letzten vor einer behördlichen Zulassung, klinischen Phase getestet werden. Es könnte also durchaus sein, dass bereits im kommenden Winter ein Impfstoff verfügbar ist. Ein mehr als bemerkenswerter Umstand, denn normalerweise dauert die Entwicklung bis zur Marktreife an die zehn Jahre.

Doch nicht nur bei der Impfstoffentwicklung hat ein, in der Medizingeschichte beispielloses Rennen eingesetzt. Auch was die Behandlung der COVID-19 Erkrankung betrifft wird rund um den Globus geforscht und getestet. Das Milken Institute verzeichnet am 10.09. insgesamt 315 Therapien, deren Testung mehr oder weniger weit fortgeschritten ist. Bei zahlreichen Therapeutika, die jetzt auf ihre Wirksamkeit getestet werden, handelt es sich um Wirkstoffe bzw. Medikamente, die schon gegen andere Erkrankungen eingesetzt wurden und werden.

COVID-Forschung in Österreich

Geforscht wird auch in Österreich. Allein in Wien laufen laut einer interaktiven Karte der PHARMIG (Verband der pharmazeutischen Industrie Österreichs) zwölf Unternehmensprojekte, eines läuft in Graz. Ein Beispiel ist das biopharmazeutische Unternehmen Marinomed, dessen CEO Andreas Grassauer kürzlich erklärte: „Wir konnten nun mit ersten Tests zeigen, dass Carragelose® auch gegen SARS-CoV-2 ein wirksamer Virus-Blocker ist. Diese Ergebnisse werden inzwischen von unabhängigen Studien in den USA und Argentinien bestätigt.“

Das Wiener Biotech-Unternehmen APEIRON Biologics wiederum sicherte sich im Juni dieses Jahres 17,5 Millionen Euro, die unter anderem in die weitere Entwicklung ihres Medikamentenkandidaten APN01 zur Behandlung schwer erkrankter COVID-19-Patienten fließen sollen. APN01 gehört laut APEIRON zu den am weitesten entwickelten Medikamentenkandidaten zur Behandlung von COVID-19 und zu den wenigen spezifisch gegen das Corona Virus gerichteten Therapieansätzen. In einer Aussendung vom Juni heißt es: „Bei positivem Verlauf der laufenden Phase II-Studie könnte nach Ansicht von Experten voraussichtlich eine beschleunigte Marktzulassung erfolgen.“

Das französische Biotech-Unternehmen Valneva, welches 2013 aus einer Fusion der österreichischen Intercell mit der französischen Vivalis, hervorging und einen Sitz in Wien hat, forscht ebenfalls an einem Impfstoff.

Digitale Lösungen

Im Kampf gegen das Virus tun sich aber nicht nur Biotech- und Pharmaunternehmen hervor. Auch digitale Mittel sollen dazu beitragen die Pandemie einzudämmen. Wie diese digitalen Lösungen dazu beitragen können dem Virus Herr zu werden hat schon früh das in Graz beheimatete Bioinformatik-Unternehmen Innophore aufgezeigt. Ende Jänner, als das Virus vor allem in China auftrat, sorgte Innophore für internationale Schlagzeilen. Zu diesem Zeitpunkt hielt sich die Beunruhigung hierzulande noch in Grenzen, bis Mitte März der Lockdown verfügt wurde.

Innophore ist ein 2017 gegründeten Unternehmen, das eine Art Suchmaschine für Enzyme entwickelt hat, die mittels eigener Algorithmen Wirkstoffe rasch identifizieren soll. Im Zusammenhang mit COVID-19 wurde aus einem Testdurchlauf schnell eine Zusammenarbeit mit einem pharmazeutischen Unternehmen in Peking und dem „Chinese Center for Disease Control and Prevention“. Auf der ersten Liste der vielversprechendsten Stoffe, die gegen COVID-19 helfen könnten fand sich der Wirkstoff Lopinavir, der in der Behandlung von HIV reüssieren könnte.

FASTCURE. Aus diesen ersten Anfängen entstand das Projekt FASTCURE, das weltweit größte computerbasierte Screening-Projekt. In einem internationalen Konsortium haben sich Innophore, das acib (Austrian Centre of Industrial Biotechnology), die Universität Graz, die Universität Innsbruck und internationale Partner wie die Harvard Universität, Google und die ShanghaiTech University zusammengeschlossen. Mehr als zwei Milliarden Wirkstoffe sollen im Rahmen des Projektes auf ihre Einsatzmöglichkeit gegen COVID-19 getestet werden.

Der Kampf gegen den Virus ist noch nicht vorüber. Die Pandemie hat dafür gesorgt, dass weltweit enorme Geldmittel in den Life Science Sektor fließen, von denen auch österreichische Life Science Unternehmen profitieren.

Dieser Artikel wurde ursprünglich in der digitalen Ausgabe des Börse Express publiziert. Er bildet den Auftakt zu einer neuen Serie über die Life Science Industrie weltweit und in Österreich. Die digitale Ausgabe des Börse Express mit zusätzlichen Tabellen, Grafiken und weiterführenden Links können Sie hier downloaden: https://bit.ly/bex_life_science_1

Autor/in: Mag. Harald Fercher