Nur mehr 12 Insolvenzverfahren pro Werktag

„Größte Rückgänge bei Firmen- und Privatinsolvenzen seit Jahrzehnten“, meldet die Creditreform.

Lesezeit: ca. 3 min

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Rainer Kubicki, Präsident des Österreichischen Verbandes Creditreform (ÖVC).

Das Insolvenzgeschehen als Seismograph für die gesamtwirtschaftliche Entwicklung hat sich vom wirklichen Zustand der österreichischen Unternehmen entkoppelt. Trotz der größten Wirtschaftskrise seit dem Zweiten Weltkrieg und eines massiven Konjunktureinbruchs im Zuge der Covid-19-Pandemie ist die Zahl der Firmeninsolvenzen um 41,5 Prozent auf etwas mehr als 3.000 Verfahren zurückgegangen. So wenige Insolvenzen gab es in Österreich zuletzt vor 30 Jahren.

Unternehmensinsolvenzen in Österreich.

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Der Gläubigerschutzverband Creditreform hat den aktuellen Trend bei den Firmeninsolvenzen für 2020 in Österreich im Detail analysiert: Die Zahl der eröffneten Verfahren ging um rund 42 Prozent auf 1.800 Fälle zurück. Die mangels Vermögen abgewiesenen Verfahren sanken um knapp 40 Prozent auf etwa 1.200 Fälle. Die Insolvenzursachen liegen erstmals nicht hauptsächlich in Managementfehlern, sondern im Kapitalmangel. Bei allen Insolvenzverfahren waren in Summe rund 14.000 Arbeitsplätze betroffen. Die Insolvenzverbindlichkeiten werden auf ca. 2,2 Milliarden Euro geschätzt.

Unternehmensinsolvenzen nach Bundesländern.

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„Marktbereinigung zulassen!“

„Die zahlreichen Maßnahmen der Bundesregierung waren angesichts der Wucht, mit der Covid-19 die heimische wie auch die Weltbevölkerung getroffen hat und den Zusammenbruch des Gesundheitssystems befürchten ließ, anfangs richtig“, sagt Rainer Kubicki, (u.a.) Vorstandsmitglied des IVÖ (Inkassoverband Österreich) und Mitglied im Beirat des Wirtschaftsforums der Führungskräfte (WdF). „Um die wirtschaftlichen Folgen der zahlreichen Tätigkeitsverbote ganzer Branchen abzumildern, wurden massive wirtschaftspolitische Eingriffe verordnet, z.B. das teilweise Aussetzen der Insolvenzantragspflicht, das Moratorium hinsichtlich der Insolvenzanträge durch die ÖGK und die Finanzämter. Diese sind aber auch verantwortlich für die abnormale Insolvenzentwicklung, in der sich die tatsächliche wirtschaftliche Situation der Unternehmen nicht widerspiegelt. Es wäre aber nun an der Zeit, das Insolvenzrecht mit seinem bewährten Sanierungsinstrumentarium wieder uneingeschränkt und damit eine Marktbereinigung zuzulassen. Eine Prolongierung der Hilfsmaßnahmen und dadurch weitere Verschuldung des Staates würde nur den Überlebenskampf vieler Unternehmen hinauszögern, den letztlich alle Steuerzahler bezahlen müssten.“

Den stärksten Rückgang verzeichneten die westlichen Bundesländer Tirol (–57,5 Prozent), Vorarlberg (–51,5 Prozent) und Salzburg (–50,6 Prozent). Die höchste Insolvenzbetroffenheit herrschte in der Bundeshauptstadt mit knapp elf Insolvenzen pro 1.000 Unternehmen, die geringste in Vorarlberg mit 3,5 von 1.000 Unternehmen. Österreichweit mussten etwas mehr als sechs von 1.000 Unternehmen den Gang zum Insolvenzgericht antreten.

Rainer Kubicki, seit 1982 geschäftsführender Gesellschafter der Creditreform Wirtschaftsauskunftei Kubicki KG.

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Branchen im Vergleich

Der Rückgang erfolgte quer über alle Branchen, am meisten im Transportwesen („Verkehr- und Nachrichtenübermittlung“) mit minus 48,3 Prozent, gefolgt von den „Unternehmensbezogenen Dienstleistungen“ (–47,6 Prozent) und dem Handel (–46,3 Prozent).

Eine andere Situation verzeichnet übrigens der wichtigste heimische Wirtschafts- und Handelspartner Deutschland. „Dort nahm die Zahl der Unternehmensinsolvenzen auch ab, aber deutlich weniger stark, nämlich nur um 13,4 Prozent“, berichtet Kubicki. 16.300 Insolvenzen bedeuten beim Nachbarn den niedrigsten Stand seit Einführung der Insolvenzordnung im Jahr 1999. „Die Gründe für die weniger drastische Situation liegen darin, dass die staatlichen Eingriffe nicht ganz so stark waren“, erklärt Kubicki.

Die Corona-Krise hat in Deutschland allerdings zu einer überdurchschnittlich hohen Zahl an Großinsolvenzen geführt, z.B. Galeria Karstadt Kaufhof und die bekannten Modeeinzelhändler Bonita und Esprit. Dadurch haben sich dort die Schäden für die Gläubiger auf schätzungsweise 34 Milliarden Euro deutlich erhöht. „Es besteht zu befürchten, dass es in Österreich im kommenden Jahr zu einem Nachholeffekt kommen kann“, warnt Kubicki.

Conclusio 2020 und Ausblick 2021

Die gravierenden Eingriffe der Wirtschaftspolitik erklären das Paradoxon stark sinkender Firmeninsolvenzen in der größten Wirtschaftskrise. Man fragt sich nun, was für 2021 zu erwarten ist? Creditreform hat dazu seine Bilanzdatenbank mit den rund 150.000 hinterlegungspflichtigen Unternehmensbilanzen analysiert. Berücksichtigt man dazu die aktuelle Wirtschaftsentwicklung mit einem geschätzten Rückgang des BIP um mindestens acht Prozent, ergibt sich eine Zahl von rund 50.000 Unternehmen, die insolvenzgefährdet sind und lediglich aufgrund der jahrelangen Niedrigzinsen überleben konnten bzw. aufgrund der aktuellen Hilfsmaßnahmen weiter überleben können.

Wann kommt nun die Insolvenzwelle? Das dürfte spätestens dann der Fall sein, wenn wieder das freie Spiel der marktwirtschaftlichen Kräfte zugelassen wird und staatliche Regulierungen – seien sie noch so gut gemeint – zurückgefahren werden. Diese Entwicklung wird maßgeblich davon abhängen, wann man die gesundheitlichen Risiken der Pandemie durch wirksame Impfstoffe in Griff bekommt. Klar ist aber, dass einmal der Zahltag kommen wird, für die Unternehmen und für alle Bürger als Steuerzahler.

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