Kommunale Top-Leader treffen einander

Published on 18. Mai 2020

Öffentliche Räume erfüllen unverzichtbare integrative und kommunikative Aufgaben und sollen dabei ihrer Funktion als Ort der Begegnung, des Verweilens und des Kommunizierens gerecht werden. Wenn sich viele Nutzungsansprüche überlagern, geht es darum, eine Balance zwischen diesen Interessen zu finden und nachhaltige Entwicklung zu gewährleisten. Der öffentliche Raum bietet Platz für Interaktion und für das Verweilen – sowohl öffentliche als auch private und kommerzielle Interessen müssen berücksichtigt werden. „Die Bewohner wollen ihre Stadt wieder zurück“, bringt es ein hochrangiger Stadtentwickler präzise auf den Punkt. Je nach Lage kommen unterschiedliche Aufgabenstellungen zum Tragen, z. B. hoher Nutzungsdruck im dicht bebauten Gebiet oder die Sicherung größerer Freiräume am Stadtrand.

Begegnungszonen? „Sehr wichtig!“

Da sich viele Gemeinden zunehmend außer Stande sehen, die Flächen und Einrichtungen des öffentlichen Raumes zu unterhalten und selbst zu bewirtschaften, verstärken sich die Tendenzen zur Privatisierung öffentlich genutzter Einrichtungen bzw. die Übertragung von Rechten und Pflichten an privatrechtliche Unternehmen wie Flughäfen oder Bahnhöfe. Während der renommierte Architekt Rem Koolhaas meinte, dass der öffentliche Raum ohnehin nur mehr zum Shoppen benutzt werde, zeigt die tatsächliche Entwicklung in eine andere Richtung: In Österreich können Städte und Gemeinden seit 2013 Begegnungszonen realisieren. Jahrzehntelang hatte man den Autos die Straße überlassen, beinahe kampflos. Auf ihr verkümmerten Fußgänger und Fahrradfahrer zu Marginalien, zu Randerscheinungen, denen man maximal ein enges Streifchen rechts und links vom Herrschaftsgebiet des Autos zugestanden hatte. „Mangel an Fußgängerinfrastruktur spiegelt ungenügende Demokratie wider“, befand der Bürgermeister von Bogotá, Enrique Peñalosa. Unbestritten sind Begegnungszonen nach wie vor ein politischer Spaltpilz, wie in Wien vor Kurzem die teilweise sehr scharfe Diskussion rund um die Rotenturmstraße bewiesen hat. In der Inneren Stadt und in der Brigittenau wären laut einer Meinungsumfrage genau der Hälfte der Befragten weitere Begegnungszonen „sehr wichtig“, in allen anderen Wiener Bezirken sind es sogar mehr als 50 Prozent.

Begegnungszone in Graz: Sonnenfelsplatz, Blick von der Schubertstraße.

In Graz wurden eine Begegnungszone rund um das Klinikum sowie am Sonnenfelsplatz realisiert – letzterer in Vor- bzw. Nach-Corona-Zeiten immerhin täglicher Kreuzungspunkt mit ca. 4000 m² und mit ca. 15.000 KFZ/Tag, vier städtischen Buslinien, ca. 8000 Radfahrern und ca. 14000 Fußgängern. Zu Spitzenzeiten beweg(t)en sich hier 3.400 Fußgänger und 640 Radfahrer pro Stunde. Deshalb wurde der öffentliche Raum so gestaltet, dass er zu einem Ort der Begegnung, Kommunikation und des sozialen Umgangs wurde und dennoch seine Funktion als Verkehrsraum wahrt: Die Nivellierung der Bordsteine sowie der weitgehende Verzicht auf Beschilderung und Fahrbahnmarkierungen führen zu erhöhter Aufmerksamkeit und Wahrnehmung sowie zu verstärktem sozialen Verhalten. Bei der Gestaltung wurde insbesondere auf die Barrierefreiheit (Niveauunterschiede bei Bushaltestellen, Nivellierung der Bordsteinkanten, Umsetzung eines taktiles Blindensystem sowie gesicherte Überquerungsräume für Blinde und Sehbehinderte) geachtet. Im Zusammenhang mit Tastplänen für Sehbehinderte wurde auch ein begleitendes Mobilitätstraining angeboten.

Seit 2013 können Städte (hier: Salzburg) und Gemeinden hierzulande Begegnungszonen realisieren.

In Salzburg wurde im Sommer 2019 der Platz zwischen Stadtbibliothek und Interspar rechtlich als Begegnungszone verordnet. Der Vorplatz „Neue Mitte Lehen“ wurde bereits im Rahmen der Errichtung vor mehreren Jahren nach den Grundsätzen eines SharedSpace errichtet und soll durch Begrünung weiter attraktivert werden. Schon länger gibt es die Begegnungszone Lastenstraße, die als wesentlicher Bestandteil der Bahnhofsoffensive verwirklicht wurde. Hier ist die bauliche Gestaltung besonders bemerkenswert: Ein bepflanzter Mittelstreifen erleichtert die Querung für Fußgänger, neue Bäume sorgen für Mikroklima und Beschattung. Die Baumscheiben wurden mit Gläsern und bunten Pflanzen aufgewertet und gewährleisten hohe Aufenthaltsqualität, Poller in Form von Betonklötzen bieten u.a. Sitzgelegenheiten. Damit wir einander möglichst bald wieder entspannt begegnen können.