Heimo Scheuch

Published on 24. Januar 2020

Verantwortung tragen

Privat
Geboren 1966 in Mühldorf, Bezirk Spittal an der Drau. Hobbys: Bergsteigen, Fischen, Jagen und „Gartln“.

Karriere
Rechtsstudium in Wien und Paris (Doktorat), Studium der Wirtschaftswissenschaften und Betriebswirtschaftslehre an der Wirtschaftsuniversität Wien und der École Supé-rieure de Commerce de Paris. Vor Wienerberger bei der Banque Paribas und der Anwaltskanzlei Shook, Hardy & Bacon LLP tätig.

Wienerberger Wienerberger ist ein international führender Anbieter von Baustoff- und Infrastrukturlösungen. Das Portfolio umfasst Ziegel für Wand, Fassade und Dach, Rohrsysteme aus Kunststoff und Keramik sowie Flächenbe -festigungen aus Beton und Ton. 1819 gegründet, notiert das Unternehmen seit 1869 an der Wiener Börse. Im Geschäftsjahr 2018 erzielte der Konzern einen Umsatz von 3,31 Milliarden Euro und ein EBITDA von 442,6 Millionen Euro. Das Unternehmen beschäftigt an fast 200 Produktionsstandorten in 30 Ländern rund 16.600 Mitarbeiter.

„Des werd wohl net des Richtige sein“ – manche Karrieren beginnen auf Autobahnraststätten am Wörthersee, führen über Wien in niederländische Garagen, um am Ende im 32. Stock des Turms A an der Adresse Wiener-bergstraße 11 ihren – vorläufigen Höhepunkt zu finden.
Eigentlich ist Heimo Scheuch ja fast so etwas wie ein „Urgestein“ bei Wienerberger: Immerhin stieß er bereits 1996 zur Wienerberger AG. Abgeschlossen wurde der Vertrag auf der anfangs erwähnten Raststätte, wo sich Scheuch, damals in Mailand für eine US-Anwaltskanzlei tätig, mit einem Wienerberger-Vorstand „quasi in der Mitte“ traf. Als Scheuch in das Unternehmen eintrat, war die „Amtssprache“ Ostösterreichisch, wie er sagt. Ein Vorteil für den heute 53-Jährigen, der bereits während seines Studiums in Paris bei der Banque Paribas werkte und danach von 1993 bis 1996 bei der 1889 gegründeten US-Kanzlei Shook, Hardy & Bacon tätig war. „Es gab damals nicht allzu viele, die eine internationale Erfahrung mitbrachten“, sagt Heimo Scheuch.

Büro in der Garage

Obwohl er einen Teil seines Studiums in Wien verbracht hatte, war die Rückkehr aus Mailand „ernüchternd“. Eine Ernüchterung, die nach drei Monaten als Assistent im Vorstand zu dem Satz „Des werd wohl net des Richtige sein“ führte. Heimo Scheuch im O-Ton: „Ich bin kein Mensch, der in der Verwaltung glücklich wird. Ich will operativ arbeiten.“ Weil das so ist, folgte ein drei-jähriger „Ausflug“ zu einer Wienerberger-Tochter in den Niederlanden, für deren damaligen Geschäftsführer Wien weit entfernt war und Wienerberger eigentlich nur wenig zu bedeuten hatte. Dementsprechend wurde der Neuzugang aus der Wiener Zentrale in einer „Garage“ untergebracht. Trotzdem, für Heimo Scheuch waren es spannende und lehrreiche Jahre.
2009, die Welt steht Kopf. Im Gefolge der Lehman-Pleite kracht es gewaltig im Gebälk der Weltwirtschaft. Österreichs BIP rasselt um fast vier Prozent nach unten, der Wienerberger-Konzern verliert binnen zwölf Monaten 30 Prozent seines Jahresumsatzes. Heimo Scheuch, von Belgien aus seit 2001 als COO für Westeuropa zuständig, wird gefragt, ob er in den Chefsessel wechseln würde. Seine Antwort: „Ja, aber …“; das „aber“ hatte es in sich. Der neue Chef wollte ein hartes Sanierungsprogramm, welches die Schließung von 75 Werken und den Abbau von ca. 3.000 Mitarbeitern beinhaltete. Der Aufsichtsrat sagte zu und Scheuch begann, den aufgrund seiner vorherigen Expansionslust hoch verschuldeten Konzern (2,5 Milliarden Euro Schulden bei 1,6 Milliarden Umsatz) aus der existenzgefährdenden Krise zu führen.

Heimo Scheuch vor einer Darstellung der Ziegelwerke bei Wien, den Anfängen des heutigen Welt-Konzerns.

Wetten auf den Untergang

Kein leichtes Unterfangen, denn im Finanzzentrum London kursierten bereits Gerüchte, dass Wienerberger das Zeitliche segnen werde. „Aus der Finanzcommunity gab es starken Druck“, erinnert sich Scheuch. „Es war ein Drahtseilakt, da wurde darauf gewettet, wie lange es dauert, bis ich das Ganze gegen die Wand fahre. Short gehen nennt man das im Finanzjargon.“ Pech für die „Shorties“, dass sie Scheuch unterschätzt hatten. Bereits 2011 kehrte der Konzern in die Gewinnzone zurück und von da an ging es stetig bergauf. 2018 wurde mit einem Rekordumsatz von 3,3 Milliarden Euro abgeschlossen und im ersten Halbjahr 2019 präsentierte der Vorstand das beste Halbjahresergebnis in der mittlerweile 200-jährigen Geschichte des Konzerns. Auch der Aktienkurs erholte sich wieder: 2009 bei 6,50 Euro gelegen, steht er heute wieder bei einem Wert um die 22 Euro.

Apropos Aktien: 2019 startete der größte Publikumskonzern an der Wiener Börse (Streubesitz 100 Prozent) eine Mitarbeiterbeteiligungsstiftung. „Leider“, sagt Heimo Scheuch, um sofort hinzuzufügen, „sehr spät. Hätten wir es 2009 gemacht, hätten wir unsere Mitarbeiter bereits seit damals am Erfolg beteiligt.“ Vorbild ist für Scheuch die Voestalpine, die bereits im Jahr 2000 eine Mitarbeiterbeteiligungsstiftung einrichtete. In der ersten Runde haben sich 28 Prozent der Belegschaft in Österreich am Unternehmen beteiligt, ein großer Erfolg. Denn in den Köpfen vieler Österreicher sind Aktien noch immer etwas, das man am besten mit Weihwasser bekämpfen sollte. Politik und rationales Denken scheinen sich in Österreich, aber auch in anderen Ländern, mittlerweile auszuschließen. Heimo Scheuch: „Es erstaunt mich immer wieder, wie wir es zulassen, dass die Politik zu einem Kabarett wird. Die Politiker leben Verantwortungslosigkeit vor und wir müssen aufpassen, dass diese Verantwortungslosigkeit nicht auf die Gesellschaft durchschlägt. Es werden keine Zukunftsthemen angesprochen. Es wird nicht darüber diskutiert, wie wir unsere Infrastruktur verändern müssen, um auf die Digitalisierung vorbereitet zu sein. Es wird nicht über Bildung gesprochen. Wir schwindeln uns weiter von Tag zu Tag, und das vor dem Hintergrund, dass Entscheidungen, die wir eigentlich jetzt treffen sollten, die nächsten 30 Jahre unser Leben bestimmen werden.“
Verantwortung tragen – das ist eines jener zentralen Themen, die Scheuch im Gespräch mehrmals betont und Ehrlichkeit. Für den Wienerberger-CEO jene Eigenschaft, die er bei Menschen und Mitarbeitern am meisten schätzt: „Ehrlichkeit ist das Wichtigste, alles andere kann man hintanstellen. Wenn Sie nicht ehrlich sind, werden Sie auch nicht über andere wichtige Eigenschaften wie Respekt und Integrität verfügen.“ Was er überhaupt nicht schätzt, ist Passivität. „Ich bin ein optimistischer Mensch, der etwas tun muss. Deshalb mag ich es auch nicht, wenn Menschen herumsitzen und alles über sich ergehen lassen.“

Als Oberkärntner fast Tiroler

Von Menschen, die ihn kennengelernt haben, wird der Oberkärntner als direkt, ehrlich und offen beschrieben. Er selbst sagt: „Ich versuche offen auf andere zuzugehen.“ Und: „Wir Oberkärntner haben zu vielen Dingen einen anderen Zugang als der Rest Kärntens. Das liegt wohl auch daran, dass wir im gebirgigen Teil des Landes aufgewachsen sind, weshalb wir in manchen Bereichen auch den Tirolern näher sind.“ Ob er sich noch als Kärntner fühlt? „Ich bin einmal im Monat unten, betreibe eine Land- und Forstwirtschaft, meine Mutter und Schwester leben noch in Kärnten. In meinem Herzen werde ich immer Kärntner bleiben, aber ich bin vor allem ein überzeugter Europäer.“ Zu den hervorstechendsten Eigenschaften des Managers zählt aber, dass er zuhören kann. „Zuhören gehört für mich zu den wichtigsten Qualitäten eines Managers. Leider können das heute nur mehr wenige. Wer zuhört, kann auch über Argumente nachdenken, und wir sollten alle wieder mehr nachdenken.“ Nachdenken sei in einer Welt, die von SMS, Twitter, Facebook und anderen digitalen „Schnellschusskanälen“ geprägt wird, leider in den Hintergrund gedrängt worden. „Heute geht es nur mehr um Ja oder Nein – die Inhalte werden überhaupt nicht mehr analysiert“, meint Scheuch. Die Handschlagqualität sei bei vielen Menschen – auch im Management – leider nur mehr selten zu finden. Schade, meint nicht nur Heimo Scheuch.

„ICH BIN KEIN MENSCH, DER IN DER VERWALTUNG GLÜCKLICH WIRD. ICH WILL OPERATIV ARBEITEN.“

Dr. Heimo Scheuch