Anzeichen für eine Trendwende im Fahrzeughandel

Published on 5. Dezember 2019

Im Oktober verzeichnete der EU-Neuwagenmarkt ein auf den ersten Blick bemerkenswertes Wachstum von neun Prozent, das allerdings in erster Linie auf das sehr niedrige Vorjahresniveau zurückzuführen ist. Im Herbst 2018 hatte nämlich die Umstellung auf den neuen Prüfstandard WLTP (Worldwide harmonized Light vehicles Test Procedure ) EU-weit zu einem Absatzeinbruch geführt. Mit 1,18 Mio. neu zugelassenen Pkw lag der Absatz in diesem Jahr im Oktober etwa auf dem Niveau von Oktober 2017.

In Österreich lag der Absatz zwar zwölf Prozent höher als im Oktober 2018, aber immerhin noch elf Prozent unter dem Niveau von Oktober 2017. Im bisherigen Jahresverlauf ist das Absatzniveau hierzulande fünf Prozent niedriger als im Vorjahreszeitraum – damit hat sich der österreichische Markt deutlich schlechter entwickelt als der EU-Markt, der derzeit um 0,7% unter dem Vorjahresniveau liegt.

Der EU-Neuwagenmarkt stieg im Oktober um neun Prozent vom niedrigen Vorjahresniveau.

Kräftig aufwärts ging es im vergangenen Monat vor allem für jene Unternehmen, die im Vorjahr die stärksten Einbußen verzeichnet hatten – allen voran der Volkswagen-Konzern, der im Oktober 2018 EU-weit noch ein Minus von 22% eingefahren hatte, und der im Oktober dieses Jahres seine Neuzulassungen in der EU um 31% steigern konnte. Renault hatte im Vorjahr ein Minus von 15% eingefahren – in diesem Jahr stieg der Absatz um 13%.

„Die Situation auf dem Neuwagenmarkt normalisiert sich langsam, ist aber immer noch beeinflusst von den WLTP-Turbulenzen im Vorjahr“, fasst Gerhard Schwartz, Partner und Sector Leader Industrial Products bei EY Österreich, zusammen. „Aussagekräftiger als die Betrachtung auf Monatsbasis ist die Entwicklung im bisherigen Jahresverlauf – und die zeigt EU-weit nach wie vor leicht nach unten.“

Diesel stabilisiert sich

Der Diesel-Antrieb hat noch immer einen schweren Stand – allerdings verliert der Abwärtstrend inzwischen an Fahrt. In den Top-5-Märkten (Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Spanien und Italien) sank der Absatz von Diesel-Pkw im Oktober um fünf Prozent, in den ersten drei Quartalen waren die Diesel-Neuzulassungen noch um 15% gesunken.

Dieselautos verlieren noch immer an Boden, aber der Abwärtstrend ist gebremst.

In Österreich und in Deutschland legte der Diesel-Absatz im Oktober gegenüber dem Vorjahr zu, in Großbritannien brachen die Verkäufe hingegen erneut um 28% ein. „In Österreich und Deutschland deutet sich eine Veränderung an, der Diesel-Marktanteil stabilisiert sich“, sagt Schwartz zu TOP LEADER. „In den südeuropäischen Ländern hingegen, wo das Kleinwagen- und Kompaktsegment eine größere Rolle spielen, verliert der Diesel-Antrieb weiter stark an Bedeutung.“

Elektroautos mit starkem Wachstum – aber Rückgang in Österreich

Weitgehend unbeeinflusst von den WLTP-Verzerrungen entwickeln sich in der EU die Neuzulassungen von Elektroautos. Und hier zeigt sich, dass der steile Aufwärtstrend der vergangenen Monate weiter Bestand hat: In den fünf größten Absatzmärkten kletterten die Neuzulassungen reiner Elektroautos um 65%, die Neuzulassungen von Plug-in-Hybriden stiegen sogar um 91%. Im bisherigen Jahresverlauf liegt der Marktanteil ganz oder teilweise elektrisch betriebener Neuwagen in den Top-5-Märkten bei 3,2%, ein Jahr zuvor betrug der Anteil 1,9%.

Österreich ist ein Sonderfall – hier sanken die Neuzulassungen reiner Elektroautos im Oktober um 38%, während sich die Zulassungen neuer Plug-in-Hybride fast verdreifacht haben (plus 160%). Der Marktanteil ganz oder teilweise elektrisch betriebener Neuwagen sank im Vergleich zum Vorjahr von 4,3% auf 3,4% – lag damit aber immer noch höher als im Durchschnitt der Top-5-Märkte. Im bisherigen Jahresverlauf stiegen die Neuzulassungen von Elektroautos und Plug-in-Hybriden in Österreich im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 30%.

Tesla ist mit dem kürzlich vorgestellten Cybertruck einmal mehr eine Speerspitze am Markt für Elektroautos.

„Wir sehen einen kräftigen und stabilen Aufwärtstrend bei Elektroautos – sowohl in den großen EU-Märkten als auch in Österreich“, sagt Schwartz. „Noch ist der Marktanteil – vor allem in den südeuropäischen Ländern – sehr niedrig. Aber bereits für das kommende Jahr ist mit einer Verdopplung des Marktanteils zu rechnen – zahlreiche neue attraktive Modelle auch in niedrigeren Preisregionen werden die Elektromobilität für ganz neue Käufergruppen attraktiv machen.“ Die Hersteller hätten zudem ein großes Interesse, ab dem kommenden Jahr in großem Stil Elektroautos auf die Straße zu bringen, um ihre CO2-Bilanz aufzubessern und hohe Strafzahlungen abzuwenden, betont Schwartz. „Neue Modelle und günstige Finanzierungsangebote werden im neuen Jahr für einen kräftigen Schub sorgen.“

Unsicherer Ausblick

Ab dem Jahr 2020 gelten in der EU die neuen, deutlich strengeren Vorgaben für den durchschnittlichen CO2-Ausstoß der Neuwagenflotte – die Hersteller werden daher bestrebt sein, die Neuzulassungen von Fahrzeugen mit hohem CO2-Ausstoß noch in das Jahr 2019 zu ziehen, was zu einem künstlichen Boom bei den Neuzulassungen großer Pkw/SUVs zum Jahresende führen könnte.

Umgekehrt könnten die Neuzulassungen von Elektroautos tendenziell ins kommende Jahr verschoben werden, was den Aufwärtstrend bei Elektroautos im November und Dezember leicht bremsen würde. Unterm Strich rechnet Schwartz mit einem Neuwagenabsatz in der EU auf dem Niveau des Vorjahres. „Angesichts einer schwächelnden Konjunktur hat sich der Neuwagenmarkt in diesem Jahr zufriedenstellend entwickelt“, resümiert Schwartz.

Der Fahrzeughandel im Jahresüberblick

2018 konnte der heimische Fahrzeughandel trotz Absatzeinbußen noch ein Umsatzplus von 1,9% nominell auf 47,3 Mrd. € verbuchen. Bis Juli 2019 hat sich die Pkw-Nachfrage weiter verlangsamt und einen Umsatzrückgang im Kfz-Handel von 1,1% nominell ausgelöst. Wie der aktuelle Branchenbericht zur Kfz-Wirtschaft der UniCredit Bank Austria zeigt, kann das Minus jedoch bis Jahresende 2019 ausgeglichen werden und die Branche damit ihr Vorjahresergebnis wieder erreichen.

Im August und September 2019 haben sich die Geschäftsvertrauenswerte der Kfz-Händler und die kurzfristigen Nachfrageerwartungen deutlich verbessert und kündigen ein Ende des Abschwungs noch in den nächsten Monaten an. Darüber hinaus werden die Pkw-Neuzulassungen, die bis September 2019 um 6,3% gesunken sind, vor dem Hintergrund des sehr hohen Rückgangs im vierten Quartal 2018 bis Jahresende wieder zulegen. Damit können im Kfz-Handel in den nächsten Monaten nicht nur weitere Absatz-, sondern auch leichte Umsatzzuwächse erwartet werden.

2018 gab es trotz Absatzeinbußen noch ein kleines Umsatzplus von 1,9% für den heimischen Fahrzeughandel.

„2020 wird sich die Autonachfrage in Österreich voraussichtlich weiter erholen, gestützt auf die erwarteten höheren Ausgaben für dauerhafte Konsumgüter und die unverändert günstigen Finanzierungsbedingungen“, analysiert Bank Austria-Ökonom Günter Wolf. „Dafür spricht auch die etwas verbesserte Konsumentenstimmung im Rahmen der jüngsten Konjunkturbefragung vom dritten Quartal 2019.“ Zuletzt hat sich die Zahl der Konsumenten, die innerhalb des nächsten Jahres ein Auto kaufen wollen, leicht erhöht.

Verkaufsaktionen bremsen die Pkw-Anschaffungskosten

Langfristig werden die Ausgaben der österreichischen Konsumenten für die Anschaffung und den Betrieb eines Autos vor allem von den Service- und Treibstoffkosten angetrieben. Von 2008 bis Mitte 2019 wurden Kfz-Serviceleistungen um 43% teurer, Kraft- und Schmierstoffe im Durchschnitt um drei Prozent; im Vergleich dazu legten die Verbraucherpreise um 21% zu.

Hingegen sind die Anschaffungskosten für neue und gebrauchte Kfz kaum gestiegen beziehungsweise seit 2008, trotz der stark steigenden Nachfrage nach stärker motorisierten und vielfach teureren Fahrzeugen, sogar um drei Prozent gefallen. Allein in den letzten fünf Jahren erhöhte sich der Neuzulassungsanteil von Pkw in der höchsten ausgewiesenen Motorleistungsklasse ab 126 kW von elf auf mehr als 14%.

Die hohen Preisnachlässe im Autohandel zeugen von hohem Konkurrenzdruck.

Die relativ schwache Entwicklung der Pkw-Anschaffungskosten ist unter anderem ein Hinweis auf die hohen Preisnachlässe im Autohandel; diese wiederum sind Ausdruck des hohen Konkurrenz-und Preisdrucks unter den Herstellern und im Autohandel selbst. Zudem bremsen strukturelle Veränderungen beim Neuwagenkauf die Preisentwicklung, insofern als der Großteil der erstmals zugelassenen Pkw bereits als verbilligte Vorführ- oder Jungwagen beziehungsweise als Leasingfahrzeuge am Markt kommen. (2018 wurden 38% der neu registrierten Pkw geleast.)

Der Fahrzeugbestand wird weiter steigen

Entsprechend dem wachsenden Motorisierungsgrad hat der Individualverkehr bzw. das Auto kaum von seinem hohen gesellschaftlichen Stellenwert eingebüßt. Noch 2018, als der Automarkt in Österreich nach einem Zulassungsrekord 2017 ins Minus rutschte, wurden 341.100 neue Pkw angemeldet, der dritthöchste jemals registrierte Wert. Insofern kann das Zulassungsminus von 6,3% bis September 2019 als ein Einlenken des Automarkts auf ein langfristiges Niveau interpretiert werden.

Der Motorisierungsgrad in Österreich ist mit 555 Pkw pro 1.000 Einwohner längst einer der höchsten im europäischen Vergleich (EU-Durchschnitt: 510 Pkw pro 1.000 Einwohner). Zudem ist die Fahrzeugflotte mit einem Durchschnittsalter von neun Jahren pro Pkw eine der jüngsten Europas (EU-Durchschnitt: elf Jahre).

Die Österreicher fahren im europäischen Durchschnitt relativ neue Autos

Dass Österreichs Konsumenten für den Fahrzeugkauf relativ zu ihren gesamten Konsumausgaben dennoch immer weniger ausgeben (seit Mitte der 90er-Jahre ist der Anteil von fünf Prozent auf drei Prozent gesunken), ist einerseits eine Folge des geringen Wachstums der Pkw-Anschaffungskosten, kann andererseits aber auch mit der stark gestiegenen Zahl an Leasing- und Firmenwagen erklärt werden. Auf jeden Fall ist der rückläufige Anteil der Ausgaben für die Anschaffung von Fahrzeugen am privaten Konsum kein Indikator für eine Reduktion des motorisierten Individualverkehrs.

Darüber hinaus finden sich kaum Indikatoren, die auf einen Rückgang des privaten Pkw-Verkehrs außerhalb der Ballungsräume hinweisen. Im gesamten Bundesgebiet ist der Pkw-Anteil an allen im Landverkehr zurückgelegten Wegen in den letzten zehn Jahren zwar geringfügig gefallen (um etwa einen Prozentpunkt auf circa 77%). Allerdings erklärt sich der Rückgang vor allem mit dem überproportionalen Anstieg der Beförderungsleistung anderer Verkehrsmittel, vor allem der Bahn. In Summe ist die Beförderungsleistung mit Pkw seit 2008 um 14% gestiegen.

Durch das Bevölkerungswachstum wird die Autonachfrage angetrieben

Das Auto bleibt im Hoch

Das Auto wird in Zukunft weiter an Stellenwert gewinnen. Laut der aktuellen Trendabschätzung des Umweltbundesamtes wird der Pkw-Bestand in Österreich von derzeit 5 Mio. Fahrzeugen bis 2050 fast kontinuierlich mit durchschnittlich 0,8% im Jahr auf rund 6,5 Mio. Fahrzeuge wachsen. Im Vergleich zu den letzten zwei Jahrzehnten, als die Zahl der Pkw in Österreich um durchschnittlich 1,3% im Jahr gestiegen ist, werden die Zuwächse zwar schwächer, der Motorisierungsgrad nimmt aber weiter zu. Angetrieben wird die Autonachfrage vor allem von der steigenden Zahl der Einwohner, die 2050 in Österreich 9,7 Mio. erreichen sollte; pro 1.000 Einwohner würden dann 660 Pkw gezählt werden.

Die Fahrzeugnachfrage bleibt zudem in Schwung, weil ein Teil der Flotte sukzessive von Verbrennungsmotoren auf Elektro- oder Hybridantriebe umgestellt wird. Das Umweltbundesamt schätzt, dass der Bestand an vollelektrischen und Plug-in-Hybridfahrzeugen in Österreich von derzeit 33.000 Pkw bis 2030 auf 1,2 Mio. und bis 2050 auf rund 4,4 Mio. Pkw zunimmt.

„Parallel zum steigenden Motorisierungsgrad wächst der Druck auf die Kfz-Wirtschaft in Österreich“, meint Wolf. „Kurzfristig werden die Hersteller den Verkaufsdruck auf das Händlernetz noch verstärken, da sie deutlich mehr Diesel- und Elektrofahrzeuge absetzen müssen, um den CO2-Flottenverbrauch zu senken. Langfristig verliert die Branche mit der Verbreitung neuer Mobilitätsangebote, beispielsweise unter dem Stichwort ‚Shared Mobility‘, Anteile am Neuwagengeschäft. Letztendlich wird es zu einer weiteren Konsolidierung der bestehenden Händlernetze kommen.“

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